2001 – 2011 : Zehn Jahre Europäisches Jahr der Sprachen – eine Bilanz aus Sicht der Regional- und Minderheitensprachen




Als die Europäische Union und der Europarat vor mittlerweile einem Jahrzehnt - 2001 - gemeinsam das Europäische Jahr der Sprachen ausriefen, waren mit dieser Initiative zahlreiche Hoffnungen und Erwartungen verbunden; nicht zuletzt seitens der Regional- und Minderheitensprachen in Europa. Diese beklagten nämlich bereits damals, dass die sprachliche Vielfalt in Europa zwar immer wieder in offiziellen Verlautbarungen als „Eckpfeiler der Zusammenarbeit“ genannt werde, das jedoch dabei allein an die nationalen Sprachen gedacht sei, weniger an die vielen kleinen und kleinsten Regional- und Minderheitensprachen, einige von ihnen gar akut vom Aussterben bedrohte Sprachen bzw. Sprachgemeinschaften.

Nach eigenen Schätzungen der Europäischen Union sprechen 40 Millionen Menschen in der EU eine Regional- oder Minderheitensprache, wie Katalanisch, Walisisch, Sorbisch, Ladinisch, Kaschubisch aber auch Dänisch in Deutschland oder Ungarisch in der Slowakei zählen zu den Regional- oder Minderheitensprachen. Schaut man über die EU-Grenzen hinaus, wird die Anzahl der Sprecher noch größer. Rund 100 Millionen Menschen im Europa des Europarates und dessen 47 Mitgliedsstaaten sprechen eine Regional- oder Minderheitensprache bzw. gehören einer autochthonen Minderheit an.  

Doch zurück zum Europäischen Jahr der Sprachen 2001 - was ist in den vergangenen zehn Jahren geschehen?

Die Anfänge waren sehr ambitioniert – abzulesen im Aktionsplan 2004-2006, der in Verbindung mit dem Europäischen Jahr der Sprachen von der EU-Kommission 2003 vorgelegt wurde.

Das Europäische Parlament trat ebenfalls stark in Erscheinung und verabschiedete 2003 mit einer zwei-Drittelmehrheit einen Bericht, der als Ebner-Bericht (nach dem Südtiroler Berichterstatter Michl Ebner benannt) noch heute als Referenzrahmen für die Forderungen im Bereich der sprachlichen Vielfalt unter Berücksichtigung der Regional- und Minderheitensprachen dient.

Das EU-Parlament forderte die EU-Kommission mit dem Ebner-Bericht explizit zum Handeln auf – unter anderem forderte man die Einrichtung einer Agentur zur Sprachenvielfalt mit besonderen Berücksichtigung der Regional- und Minderheitensprachen sowie die Etablierung einer eigenständigen Haushaltslinie zur Förderung der Sprachenvielfalt in Europa. Anfangs zeigte sich die EU-Kommission den Parlamentsvorschlägen noch sehr offen gegenüber, entschied sich jedoch schlussendlich – sicher auch auf Druck der EU-Mitgliedsstaaten - gegen eine Agentur und gegen die Idee einer eigene Haushaltlinie.

Die neuen Schlagwörter hießen und heißen nunmehr „Mainstreaming“ und „Netzwerkbildung“. Den Regional- und Minderheitensprachen sind dem Prinzip des „Mainstreamings“ folgend, alle EU-Fördertöpfe im „Wettbewerb der Ideen“ offen stehend – sprich, man kann sich überall um einen Förderantrag bewerben, sofern man die nötigen Förderkriterien erfüllt.

Statt der Sprachenagentur entschied man sich zur Förderung von Netzwerken – unter anderem erhielt die FUEV mit ihrem RML2Future Netzwerk im Bereich Lebenslanges Lernen eine solche dreijährige Netzwerkförderung. Doch die von dem Europäischen Parlament vorgesehene Bandbreite der Aufgaben, konnte durch die mittlerweile ausgelaufene Förderung der zivilgesellschaftlichen Netzwerke natürlich nicht kompensiert werden.

Mit dem Mainstreaming-Ansatz und der teilweisen Netzwerkförderung wird den Ansprüchen des Parlaments nicht genüge getan und für viele der institutionell schwach aufgestellten Organisationen der kleinen und kleinsten Sprachen in Europa ist es gar nicht erst möglich, Anträge zu stellen, da sie nicht die Kapazität und das Know-how hierfür besitzen.

Hervorzuheben ist andererseits, dass es der Europäischen Union in der Festlegung ihrer Politiken immer wieder wichtig ist, die besondere Bedeutung der sprachlichen Vielfalt hervorzuheben. Abzulesen in der 2008 verabschiedeten Kommunikation zur Mehrsprachigkeit, aber auch in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates in Barcelona (2002) und mit dem dort formulierten Ziel „Muttersprache plus zwei Fremdsprachen“, nachzulesen.

Als nach der sog. EU-Osterweiterung 2004 sogar ein eigener EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit an den Kabinettstisch im Berlaymont-Gebäude in Brüssel Platz nehmen durfte, war die Vor-Freude auch bei den Vertretern der Regional- und Minderheitensprachen groß. Die Hoffnung bestand, dass die kleinen und kleinsten Sprachen, wie jahrelang gefordert, einen „Anwalt mit Kabinettsrang“ bekommen würden.

Doch für den Kommissar – mittlerweile ist der eigene EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit auch wieder abgeschafft – erwies es sich sehr schwer, die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Immer wieder musste er darauf verweisen, dass Sprachförderung und Bildung keine originären EU-Kompetenzen seien, sondern immer in der Oberhoheit der Mitgliedsstaaten liege. Sein Credo: Er könne nur überzeugen, aber nichts vorschreiben.

Mit der Verabschiedung des Lissabonner Vertrages (ursprünglich auch EU-Grundlagenvertrag bzw. -Reformvertrag genannt) 2009 hat die sprachliche Vielfalt mit den Artikeln 3 und 22 einen hervorgehobenen Platz erhalten.

Ein einmaliger Vorgang und sicher eine Stärkung auch der ganz konkreten Rechte der Regional- und Minderheitensprachen. Wenn sich auch noch nicht genau abzeichnen lässt, welche de jure Ansprüche sich aus diesen Paragrafen ableiten lassen, so dürfte sich der moralische Druck auf die EU und die EU-Kommission, etwas gegen das akute Sprachensterben zu tun und aktive Maßnahmen zur Stärkung der Regional- und Minderheitensprachen zu ergreifen, erhöht haben.

Es heißt jedoch am Ziel vorbei zu schießen, wolle man in der EU-Kommission den alleinigen Blockierer und Bremser erkennen. Es bedarf einer klaren Aussage der Mitgliedstaaten, also der Staats- und Regierungschefs, dass es ihnen ernst ist mit einer Förderung der Sprachlichen Vielfalt unter besonderer Berücksichtigung der Regional- und Minderheitensprachen.

Bedauerlich ist, dass die 2001 begonnene Zusammenarbeit mit dem Europarat nicht weiter verfolgt wurde – hier gibt es sicher einiges, was die EU lernen bzw. adaptieren könnte. Vor allem mit dem Expertenkomitee und dem sehr aktiven – und leider mit viel zu geringen Ressourcen ausgestatten Sekretariat der Sprachencharta - gibt es Institutionen, die sehr gute Arbeit leisten.

Blickt man zusammenfassend auf die vergangenen 10 Jahre zurück, so gibt es nicht zuletzt von der EU-Kommission angeschobene, gute Ansätze und Ideen, wie man die oft genannte aber in der praktischen Politik leider genau so oft vernachlässigte sprachliche Vielfalt unter besonderer Berücksichtigung der Regional- und Minderheitensprachen besser zu ihrem Recht in Europa verhelfen kann. Es ergibt sich mit dem zehnjährigen Jubiläum und der 2014 beginnenden neuen EU-Förderperiode ein angemessener Anlass, um zu analysieren, was in den 10 Jahren gut gelaufen ist, was weniger gut umgesetzt wurde und gemeinsam (EU, Europarat und Zivilgesellschaft) zu überlegen, was wir 2021, 20 Jahre nach dem Jahr der Sprachen erreicht haben wollen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen