In Europa sterben Sprachen oder wie schaffen das bloß die Waliser?



In Europa wird viel von Vielfalt geredet und wenig dafür getan. Ein Beispiel hierfür ist das Sprachensterben, das sich auf unserem Kontinent mehr oder weniger im Verborgenen vollzieht. Es gibt in Europa 27 offizielle Sprachen, doch neben diesen gibt es noch etliche Sprachen, die in der Europäischen Union als Regional- oder Minderheitensprachen von rund 40 Millionen Menschen gesprochen werden und teilweise akut vom Aussterben bedroht sind.

Auf der einen Seite spricht man häufig davon, dass die Integration Europas, das engere Zusammenwachsen unseres Kontinents, durch die vielen nationalen Sprachen - von Finnisch bis Maltesisch, von Polnisch bis Spanisch – erschwert werde. Auf der anderen Seite kämpfen viele der kleinsten Sprachen in Europa, wie das Ladinische, Sorbische, Friesische, Kaschubische etc. gegen das Verschwinden von der Landkarte.

Viele Sprecher dieser kleinen und von einigen Experten bereits zum Tode vorverurteilten Sprachen sind nicht so ohne weiteres dazu bereit, das Verschwinden hinzunehmen; sie kämpfen für den Erhalt ihrer Sprache.

Viele von diesen Aktivisten schauen dabei nach Wales – wo eine Erfolgsgeschichte einen negativen Trend scheinbar umgekehrt hat. Von einer Sprache, die immer mehr an Prestige verlor, als „bäurisch und vulgär“ verschrien war, entwickelt Walisisch sich zu einer Sprache, die immer stärker angewandt wird und Anerkennung erfährt. Doch wie machen die das in Wales?

Hierfür gibt es keine einfache Antwort und fragt man den Direktor des Welsch Language Board (Behörde zur Förderung und Vermarktung des Walisischen) Meirion Prys Jones kann er auch keine einfach Antwort geben. Das ist aber auch gar nicht so verwunderlich, spielen, doch mehrere Faktoren ineinander.

Will man die vielen Facetten kurz zusammenfassen, kommt man dabei auf fünf Hauptpunkte:
  1. Politischer Wille
  2. Konkrete Gesetzgebung
  3. Finanzierung
  4. Eine Gruppe sturer Aktivisten
  5. Stringente Sprachplanung.


Der nächste Zensus wird derzeit durchgeführt – aktuelle Zahlen werden für 2013 erwartet. Laut dem Ergebnis mehrerer Zwischenstudien ist der Sprachgebrauch in den vergangenen zehn Jahren weiter gestiegen – nachdem er über Jahrzehnte rückläufig gewesen ist (1891 sprachen noch 54 % der Waliser auch Walisisch). Positiv ist, dass der Sprachgebrauch und die Sprachkompetenz gerade bei jungen Menschen sich stetig verbessert. Der nächste Zensus wird in diesem Jahr durchgeführt und die Ergebnisse werden 2013 erwartet.

Doch das positive Image des Walisischen ist eine Entwicklung der neueren Geschichte:

„Vom 17. Jahrhundert an war die walisische Sprache verpönt und gehasst – von den Engländern und von der anglisierten herrschenden Schicht, den Bergwerkbesitzern und „local squires“ den Landbesitzern in Wales. Sogar noch am Ende des 19. Jahrhunderts mussten walisische Kindern ein „Not“, ein Holzbrett, um den Hals tragen, wenn sie beim Walisisch-sprechen erwischt wurden. Das „Not“ durfte das Kind dem Klassenkameraden weitergeben, der als nächster Walisisches sprach. Der letzte, der es am Ende des Tages trug, bekam dann eine Tracht Prügel vom Lehrer“.
(Deutschland und Europa; Ausgabe 1/97: Wales) 

Es hat lange gedauert, bis sich der politische Wille bzw. die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es Sinn macht, die Sprache zu fördern bzw. quasi wieder zu beleben. Hinzu kamen die Gesetzgebungen -  1942 der Welsh Courts Act, der Welsh Lanugage Act von 1967 und der Welsh Languge Act von 1993. Ganz aktuell steht der nächste Schritt  bevor, das Language Measure von 2010.

Es ist vor allem der 1993 verabschiedete Welsh Languge Act, der unter anderem zur Gründung des Welsh Language Boards führte, welcher ausschlaggebend für den Erfolg in Wales ist.

Durch den Welsh Lanugage Act wurden die finanziellen Rahmenbedingungen für die Sprachpolitik in Wales geschaffen. 12 Millionen Pfund beträgt der jährliche Etat des Langugage Boards. Das Geld wird für die Weiterentwicklung und Förderung (promotion) des Walisischen eingesetzt.

Um diese Grundlagen für das „Walisische Wunder“ überhaupt erreichen zu können, bedurfte es in den Worten von Meirion Prys Jones einer Gruppe von „sturen Idealisten“, die nicht aufgeben und immer weiter für ihre Sprache kämpften und die politischen Entscheidungsträger drängten. Diese Bemühungen haben in Wales gefruchtet und bringen uns zum letzten Punkt unserer Auflistungen der fünf Grundlagen für den Waliser-Erfolg: nämlich eine professionelle Sprachplanung.

Unter Sprachplanung ist ein Prozess zu verstehen, die geplante Entwicklung einer Sprache, die diese für alle Anwendungsbereiche in einer Gesellschaft anwendbar machen soll bzw. erhalten soll. Hier spielen Fragen wie der Wortschatz, die Aussprache und Rechtschreibung genau so eine Rolle wie die Frage der Status der Sprache in einer Gesellschaft, die Möglichkeit der Nutzung der Sprache im Unterricht, in der Verwaltung etc. – also eine Kombination von sprachwissenschaftlichen Aufgaben und soziologischen Betrachtungen sowie handfesten politischen Zielsetzungen.

Hier hat das Language Board in Wales sehr viele Erfahrungen. Dabei hat man sich von der wissenschaftlichen Forschung inspirieren lassen und versucht diese ganz konkret anwendbar zu gestalten. Darüber hinaus haben die praktischen Erfahrungen aus Kanada aber auch aus Neuseeland eine wichtige Rolle gespielt.

In Wales geht man mit den Language Measure nun einen Schritt weiter (inspiriert vom zweisprachigen Kanada)   man schafft unter anderem einen Sprachkommissar und gleichzeitig wird das Lanugage Board in seiner jetzigen Form aufgelöst. Das Gesetz verschärft die juristischen Sanktionsmaßnahmen im Vergleich zum Welsch Lanugage Act von 1993; sollten sich demnach Verwaltungen oder Unternehmen nicht an das Gebot der Zweisprachigkeit in Wales halten, können diese nun konkret sanktioniert werden.

Während man in Wales einen Schritt weiter geht bei der Stärkung der eigenen Sprache – kämpfen die „sturen Idealisten“ leider in vielen anderen Sprachregionen noch mit dem politischen Willen der Entscheidungsträger.



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