Einreiseverbot aufgehoben – Idstedt-Löwe kehrt zum Ausgangspunkt zurück



Nach dem Ersuchen der Flensburger Ratsversammlung und der erfolgten Zustimmung der dänischen Regierung in Kopenhagen hat der Idstedt-Löwe seine (vermeintlich) letzte Reise angetreten. Es ist eine „Heimkehr“ in das deutsch-dänische Grenzland.

Die Einweihung des Löwen-Denkmals am alten Flensburger Friedhof wird im Beisein von Prinz Joachim und dem neuen deutschen Botschafter in Kopenhagen, Dr. Michael Zenner, feierlich zelebriert.

Was vor Jahrzehnten noch undenkbar, reicht heute in der Öffentlichkeit nicht einmal mehr zu einem lauen Protest-Stürmchen. Deutsche und Dänen sind in grenzüberschreitender Einigkeit verbunden: der Löwe kommt nach Hause und das ist gut so.

Das war jedoch nicht immer so:

Der Löwe war immer wieder ein Politikum, mit vielen Emotionen behaftet. In der Auseinandersetzung mit dem Löwen und den Dingen für die er (vermeintlich) stand, verdichtete sich der nationale Gegensatz im deutsch-dänischen Grenzland. Sozusagen ein imposanter Zeitzeuge für eine turbulente, konfliktreiche Geschichte.

Der Idstedt-Löwe hat seinen Namen nach der Schlacht von Idstedt 1850. Es war eine der bis dato blutigsten Schlachten Europas. 36.000 dänische Soldaten standen 26.000 Schleswig-Holsteiner gegenüber. 1.200 Tote blieben auf dem Schlachtfeld - 3789 Tote und Verwunderte hatte die dänische und 2628 Tote und Verwundete die Schleswig- Holsteinische Seite zu beklagen. Die Schlacht von Idstedt  entschied den Krieg.

Der Jubel in Dänemark war groß. Der dänische Bildhauer Bissen schuf als Bronzeplastik den Idstedt-Löwen, der in Flensburg auf dem Friedhof aufgestellt wurde.
Es war ein Siegesmonument, das die Einheit zwischen Dänemark und dem Herzogtum Schleswig symbolisierte und für die deutschen Schleswig-Holsteiner nach der Niederlage einer Provokation und Demütigung gleich kam.

Der dänische Dichter H.C. Andersen wohnte der Einweihung des Löwen in Flensburg bei und hielt in seinem Tagebuch fest: "Was wird wohl geschehen, wenn hier eines Tages ein Feind uns besiegt?"

Die Frage des Märchendichters Andersen sollte bereits wenige Jahre später - nämlich 1864 - beantworten werden.

Dänemark zog – in völliger Ermangelung einer realistischen Einschätzung der europäischen Mächteverhältnisse und Verkennung der eigenen Unterlegenheit – in einen Krieg gegen Österreich und Preußen, den man nicht gewinnen konnte. Man wurde vernichtend  geschlagen und Dänemark veränderte sich ein für alle Mal von einer europäischen Mittelmacht zu einem Kleinstaat – mit entscheidenden Auswirkungen auf das dänische Nationalbewusstsein, das bis heute Wurzeln schlägt (das ist aber eine andere Geschichte).

Flensburg gehört nicht mehr zum dänischen Gesamtstaat - ist vielmehr von Preußischen Truppen besetzt. Das dänische Siegesdenkmal von der Schlacht von Idstedt wurde von der deutschen Bevölkerung als eine dänische Provokation angesehen und einige dieser Bürger versuchten 1864 den Löwen buchstäblich vom Sockel zu stoßen.

Der Löwe wurde abtransportiert und als Kriegstrophäe nach Berlin geschafft, wo er ins Zeughaus gebracht und dann 1877 in die Kadettenanstalt nach Lichtenfelde gelangte, wo er 68 Jahre lang auf dem Kasernenhof zu finden war.

Der Große Krieg, der 1. Weltkrieg, von 1914 und 1918 endete mit der Niederlage des Deutschen Reiches und den Pariser Vorortsverträgen. In Versailles wurde die 1920-Abstimmung festgelegt. Der Löwe spielte in der Abstimmungspropaganda auf der dänischen Seite eine maßgebliche Rolle. Flensburg sollte zurück nach Dänemark – welches stärkere Symbol für die Verbindung von Schleswig mit Dänemark gab es, als den Idstedt-Löwen.

Bekanntlich gelangte Nordschleswig als Ergebnis der Abstimmung von 1920 an Dänemark – aber Flensburg und Südschleswig verblieben deutsch (eine weitere spannende Geschichte) und der Löwe blieb in Berlin.

Nach der dunklen Zeit des Nationalsozialismus, mit einer deutschen Mehrheit und Minderheit auf beiden Seiten der Grenze, die der nationalsozialistischen Ideologie mehrheitlich unterstützten, verschärften sich die nationalen Gegensätze im deutsch-dänischen Grenzland.

Vor allen in Teilen der dänischen Minderheit wurde nach 1945 ein Grenzverschiebungswunsch laut artikuliert (mit tatkräftiger Unterstützung einiger dänischer Kreise). Das Stichwort war Dänemark bis zu Eider.

1945 wurde in Berlin von den Alliierten, von General Eisenhower, gehandelt. Auf Hinweis eines dänischen Journalisten, der zu seiner großen Verwunderung in Lichtenfelde den stolzen Löwen vom Krieg unversehrt entdeckt hatte, trat der Löwe eine gefährliche, unbequeme Reise an. Auf einem Lastwagen von Berlin-Lichtenfelde nach Kopenhagen. Auf direkten Befehl des Generals.

Chr. X nahm den Löwen 1945 offiziell in Empfang und sagt: "Ich nehme den Idstedt-Löwen in Empfang und danke allen, die ihn hergebracht haben, und auch denen, die ihr Leben dafür geopfert haben, dass wir wieder frei wurden ... Und ich bin auch der Meinung - wenn die Umstände es erlauben -, dass der Löwe in Flensburg aufgestellt wird zur Erinnerung an die Zeit, die seitdem vergangenen ist, und im Gedanken an alle, die ihr Leben im Dreijährigen Krieg hingegeben habe."

Das war für die deutschen Schleswig-Holsteiner eine Provokation – man sah eine Grenzverschiebung am Horizont drohen und der sprichwörtlich gewordene Grenzkampf entbrannte.

Dieser beruhigte sich erst nach 1955 – als mit den Bonner und Kopenhagener Erklärungen der Anfang für eine schwierige aber letztendlich sehr erfolgreiche Aussöhnung zwischen Deutsch und Dänisch, zwischen Mehrheiten und Minderheiten und unter den Minderheiten erzielt wurde. Sozusagen, der Anfang der Normalität, die heute unseren Alltag im Grenzland prägt.

Doch die nationalen Gegensätze schlummerten noch immer im Grenzland. Mit regelmäßigen Abständen – vor allem in den Leserbriefen und Leitartikeln der Zeitungen, brüllte der Löwe in nationaler Tonlage. Doch die Bevölkerung verlor im Zuge der Normalität der europäischen Zusammenarbeit das Interesse an dem Tier, das nunmehr am Søren Kirkegårdsplatz in Kopenhagen stand.

In den 90iger Jahren wurde nicht zuletzt auch von deutschen grenzpolitischen Akteuren der Vorschlag einer „Rückholung“ des Löwen in die Diskussion gebracht. Das scheiterte ein letztes Mal an der stürmisch-aufbrausenden, nationalen Entrüstung einiger weniger.

Es war die Ratsversammlung in Flensburg unter Führung des energischen Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner, die die Initiative ergriffen und in Dänemark vorfragten, ob man einer Rückkehr des Löwen nach Flensburg zustimmen könne.

Dänemark lehnte nicht ab und heute kehrt „das Biest“ nach Flensburg zurück. Und es mag übertrieben klingen – aber damit ist ein Symbol, der nun tatsächlich vollzogenen Aussöhnung zwischen Deutsch und Dänisch „zu Hause“ angekommen.

Quellen:
Wer einen guten und konzisen Überblick über die Geschichte des Löwen und der (nationalen) Diskussion über die Platzierung des Löwen sucht – der wird (wie so oft) in den grünen Heften der Grenzfriedenshefte fündig (hier sollte man mal eine Online-Publikation erwägen – da gibt es sehr viele Fundstücke zu entdecken!):

Henningsen, Lars: Der Idstedtlöwe - Geschichte und Politik. Vom Misstrauen zur Freundschaft; in: Grenzfriedenshefte 2/2010

Leppien, Jörn-Peter: Der Idstedt Löwe - ein Denkmal mit vielen Gesichtern, in: Grenzfriedenshefte 2010/2

Generell zu Empfehlen ist das Dänemark-Buch von Henningsen, erschienen in der Reihe über Deutschlands Nachbarländer, von Richard von Weizäcker und Helmuth Schmidt herausgegeben.
Bernd Henningsen. Dänemark, Beck 2009. Hier wird die Geschichte des Löwen von Seite 152 an beschrieben.




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