Erinnerungskultur der deutschen Minderheit – Gedenkstätte auf dem Knivsberg




Heute, am 18. August 2012, wurde in einer feierlichen Veranstaltung auf dem Knivsberg, dem kulturellen Sammelpunkt der deutschen Minderheit in Nordschleswig, der dortige Ehrenhain für die Gefallenen der deutschen Minderheit in die Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege umbenannt. Ein einstimmiger Hauptvorstand des Bundes Deutscher Nordschleswiger, der Dachorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark, war  dieser Umbenennung vorangegangen.

Die deutsche Minderheit in Nordschleswig beschäftigt sich in der letzten Zeit verstärkt mit der eigenen Geschichte. Die Thematisierung der Vergangenheit ist für die deutschen Nordschleswiger nicht unproblematisch. Während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Europa waren die Institutionen der deutschen Minderheit in Dänemark „Gleichgeschaltet“. Wer die Publikationen aus den Jahren 1940-1945 liest – die sich in ihrer Brutalität am einprägsamsten in den Aufrufen zum freiwilligen Kriegsdienst „für das Vaterland“ manifestieren – erahnt unter welchem Druck die rund 2.000 jungen Nordschleswiger standen, die sich freiwillig für den Kriegsdienst meldeten. Rund ein Drittel der jungen Männer kehrte nie wieder zurück.

Die teilweise personelle Kontinuität in der Führung der deutschen Minderheit erlaubte auch nach 1945 keine ernsthafte Vergangenheitsbewältigung. Auch die Frage der Schuld der Funktionäre, die bis 1945 die jungen Männer auf ihre „vaterländischen Pflichten“ in aggressivsten Duktus verwiesen, wurde intern nicht diskutiert. Eine mit der in der Bundesrepublik vergleichbaren „Vergangenheitsbewältigung“ in den 60-70er Jahren hat es in der deutschen Minderheit auch später nie gegeben.

Es war nicht zuletzt das Buch des Historikers Henrik Skov Kristensen, „Straffelejren : Fårhus, landssvigerne og retsopgøret“ welches eine Diskussion in der deutschen Minderheit anregte. Henrik Skov Kristensen hinterfragt die von ihm postulierte „doppelte Opferrolle“ der deutschen Minderheit: Erst sei man von Hitler verraten worden und danach durch Dänemark, im Zuge der Internierung eines Großteiles der männlichen Bevölkerung, erneut (zu unrecht) bestraft worden. Henrik Skov Kristensen stellt die personelle Kontinuität der Führung der Minderheit und die nicht-Aufarbeitung der eigenen Geschichte in einem Abschnitt seines Buches in den Vordergrund.

Nicht zuletzt das Neujahrstreffen der Deutschen Minderheit in der Akademie Sankelmark im Januar 2012 belebte diese Diskussion. Der Autor stellte sich den Fragen der Anwesenden und drei Vertreter der Minderheit (Kurt Seifert, Claus Pørksen, Harro Hallmann) gaben in teilweise sehr persönlichen Beiträgen eindrucksvoll ihre Sichtweise und Erinnerungen in die Diskussion.

Man kann bzw. muss sich die Frage stellen, warum diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erst so spät geschieht. Erst mit dem Hauptvorsitzenden Hans Heinrich Hansen, in einiger seiner Reden deutlich nachzulesen (1993 bis 2006), wurde dieses Tor zur eigenen Vergangenheitsbewältigung geöffnet. Trotz mehrerer Anstöße dauerte es lange, sozusagen bis heute, bevor sich in dem öffentlichen Diskurs eine Auseinandersetzung ergab. Hans Heinrich Hansen hatte bereits vor 10 Jahren in seiner Rede zum 40-jährigen Jubiläum des Ehrenhains 2002 auf dem Knivsberg eine Umbenennung in Gedenkstätte empfohlen.

Es ist dabei etwas unfair zu behaupten, dass niemand in der Minderheit die Fragen gestellt habe, die sich derzeit in aller Deutlichkeit auftun. In einer Gruppe um Kurt Seifert und Philip Iwersen wurde schon 1978 mit der Herausgabe einer Jahrespublikation „Nordschleswig – Berichte – Daten - Meinungen“ eine ernsthafte Initiativen gestartet, die aber von der eigenen, internen Öffentlichkeit und Presse weitgehend ignoriert wurden. Hier lohnt sich auch ein Nachlesen der Beiträge und man sollte ernsthaft über eine Veröffentlichung der damals gemachten Interviews mit Zeitzeugen (die heute nicht mehr am Leben sind) nachdenken!

Die nicht-Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit hat sicher dazu beigetragen, dass ein Leben in der Gemeinschaft der deutschen Minderheit viele junge Nordschleswigern eher abgeschreckt hat und diese sich abwandten, nach Deutschland zogen oder sich freiwillig „assimilieren“ ließen.

Diese Tatsache ist heute nicht mehr zu ändern – aber es sollte die Chance ergriffen werden und den neuen, offenen Umgang mit der eigenen Geschichte gilt es zu nutzen. Denn BDN-Hauptvorsitzender Hinrich Jürgensen hat recht, wenn er in seiner Rede bei der Umbenennung des Ehrenhains erklärt, die deutsche Minderheit sei 1920 eine andere gewesen als 1945, 1975 oder gar 2012.
Die zentrale Frage bleibt dabei doch, was will die deutsche Minderheit 2020 sein – 100 Jahre nach der Volksabstimmung und ihrer „Gründung“.

Quellen:






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