Karl Marx und Dänemark



Wenn in Davos beim Weltwirtschaftsforum sogar gestandene Wirtschaftsbosse Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus referieren und über eine Tobin-Steuer ernsthaft diskutiert wird, die vor wenigen Jahren die Verfechter selbiger Steuer, den Vorwurf einbrachten, die kommunistische Revolution zu befürworten, dann wird auch der Altmeister Karl Marx wieder zitierfähig.

Karl Marx hat sich in seinem umfassenden Werk zu vielen, sehr vielen Dingen geäußert - scharfzüngig zumal.

Für Dänemark schien der Philosoph jedoch nicht sehr viel übrig zu haben:

Zur Sache. Die Dänen sind ein Volk, das in der unbeschränktesten kommerziellen, industriellen, politischen und literarischen Abhängigkeit von Deutschland steht. Es ist bekannt, dass die faktische Hauptstadt von Dänemark nicht Kopenhagen, sondern Hamburg ist, dass die dänische Regierung alle Vereinigte-Landtags-Experimente der in den Barrikaden entschlafenen preußischen ein ganzes Jahr lang nachmachte, dass Dänemark alle seine literarischen Lebensmittel, ebenso gut wie seine materiellen, über Deutschland bezieht und dass die dänische Literatur - mit Ausnahme Holbergs - ein matter Abklatsch der deutschen ist.
So ohnmächtig Deutschland auch von jeher war, es hat die Genugtuung, dass die skandinavischen Nationen und namentlich Dänemark unter seine Botmäßigkeit geraten sind, dass es ihnen gegenüber sogar noch revolutionär und progressiv ist.
Wollt ihr Beweise? Lest die Polemik der skandinavischen Nationen untereinander, seit die Idee des Skandinavismus aufgetaucht ist. Der Skandinavismus besteht in der Begeisterung für die brutale, schmutzige, seeräuberische, altnordische Nationalität, für jene tiefe Innerlichkeit, die ihre überschwänglichen Gedanken und Gefühle nicht in Worte bringen kann, wohl aber in Taten, nämlich in Rohheit gegen Frauenzimmer, permanente Betrunkenheit und mit tränenreicher Sentimentalität abwechselnde Berserkerwut.

Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 393-397
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1959

Schottland fragt: Wollt ihr die Unabhängigkeit?



Die Schotten werden 2014 – passend zum 700. Jubiläum der Schlacht von Bannockburn – auf die Frage antworten, ob sie die Union mit England, Wales und Nordirland (Großbritannien) verlassen wollen. Die Schotten werden in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit entscheiden. Das verkündete kürzlich der schottische Regierungschef Alex Salmond, der mit seiner Schottischen National-Partei (SNP) die absolute Mehrheit im Parlament in Edinburgh hält.

Die Frage der Unabhängigkeit der Schotten ist keine neue, sondern wird seit Jahren immer wieder gestellt - doch es scheint nun auf einen „Show-down per Referendum“ hinauszulaufen.

Was in Schottland vorbereitet wird, sorgt in viele Regionen und Staaten Europas für Aufregung und wird genau verfolgt. Die Entwicklung sorgt, abhängig vom Standpunkt, für Begeisterung oder Sorge. In Madrid zum Beispiel läuten derzeit alle Alarmglocken auf und man steht dem Referendum sehr kritisch gegenüber, ohne dies jedoch (bislang) offiziell zu kommentieren. Hinter vorgehaltener Hand wird aber bereits berichtet, dass Madrid bei einem Erfolg des Referendums eine Anerkennung und Aufnahme Schottlands in die EU verhindern wolle.
Der Grund für die nervöse Stimmung auf der iberischen Halbinsel: Die Vertreter der Katalanen und Basken - das ist kein Geheimnis -  hegen auch seit Jahrzehnten den Wunsch nach Unabhängigkeit.

Der europäische Kontinent ist  komplex und wendet man von Großbritannien und Spanien (teilweise auch Frankreich) den Blick Richtung Osten, wird die Ausgangslage nicht einfacher.

Vor allem in Mittel- und Osteuropa bringen nämlich Fragen der Staatlichkeit und der nationalen Minderheiten schwierige und sensible Konfliktlinien zutage. Die Kriege auf dem Balkan waren nicht zuletzt Auseinandersetzungen der Nationalitäten / Minderheiten.

Konkret und anschaulich wird die Problematik beim Kosovo. Die Unabhängigkeit dieser ehemaligen jugoslawischen Provinz hat für Blutvergießen und Krieg gesorgt. Die von der internationalen Staatengemeinschaft (Ahtisaari-Plan) sanktionierte Unabhängigkeit wird bis heute von Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und der Slowakei nicht anerkannt. Man befürchtete mit der Unabhängigkeit des Kosovo, das „öffnen der Box der Pandora“ und die Unabhängigkeitsbestrebungen in anderen europäischen Ländern.
Die Entwicklung in Schottland, so befürchten die Vertreter nun, könnte zu einem noch stärkeren Aufstoßen der Box der Pandora beitragen.

Für die meisten autochthonen Minderheiten - 300 an der Zahl in Europa - ist die Unabhängigkeit keine Option oder Wunsch, vielmehr versucht man die eigene Kultur und Sprache zu pflegen und sich politische zu beteiligen und für die eigenen Rechte einzustehen, in dem Mehrheitsumfeld in dem man lebt.

Auch wenn viele Diskussionen (im Feuilleton) derzeit das Ende das Nationalstaates als Anachronismus der Geschichte herbeischreiben – gibt es wie in Schottland auch Regionen die der Idee eines Europas der Regionen und Auflösung der Nationalstaaten nur sehr wenig abgewinnen können, sie wollen die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit.

Zwischen den Bestrebungen nach Unabhängigkeit / Selbstverwaltung  / Autonomie und Minderheitenrechte sowie die Förderung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt einen Ausgleich zu finden, ist eine zentrale Aufgabe Europas, die nur im Zusammenspiel zwischen Politik und Zivilgesellschaft funktionieren. Hierfür bedarf es viel Fingerspitzengefühl, von allen Seiten.

Quelle / Lesehinweise:
Neue Zürcher Zeitung
The Guardian