Folketing bei Facebook: "Wie früher in den Versammlungshäusern, nur ohne Kaffee"


Erstmalig erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" im Der Nordschleswiger.

Am 23. September 2013 brach für das dänische Parlament – Folketinget - eine neue Zeitrechnung an. Mit einem Video-Auftakt des Vorsitzenden, Mogens Lykketoft (hier der Youtube-Link zum nachschauen: 

hat die dänische Legislative sich ein Facebook-Profil zuglegt. Mogens Lykketoft meint dazu: „Wir müssen dort sein, wo die Bürger sind. Ich erhoffe mir eine Kommunikation, wie früher in den dänischen Versammlungshäusern, nur ohne Kaffee. Das Interesse ist überwältigend: nach nur drei Tagen hat das Folketing 6924 „likes“ (so heißen bei Facebook die Sympathiebekundungen).

Die Schleswigsche Partei hat das Mittel der direkten Kommunikation mit Sympathisanten und potentiellen Wählern ebenfalls entdeckt. Allen voran Stephan Kleinschmidt, der sich mit seiner Facebook-Kommunikation hinter den im Landesteil aktiven Folketing-Politikern nicht zu verstecken braucht. Es wird dabei oft von den „Neuen Medien“ gesprochen. Diese Begrifflichkeit ist ein Euphemismus. Denn an den „Neuen Medien“ ist nichts neu, sie sind vielmehr „die“ Medien. Es gibt weltweit 1,1 Milliarden Facebook-Mitglieder (Mai 2013) und 1,7 Milliarden Twitter – Profile (um die beiden derzeit führenden Medien zu nennen – die längst nicht einzigen: Klout, Youtube, Forsquare, LinkedIn, Tumblr, Flickr).

Die Gefahren (unbestreitbar) und die Möglichkeiten (ebenfalls unbestreitbar) der neuen Kommunikationsformen können hier nicht diskutiert werden. Nur eine Anmerkung sei erlaubt: egal wie man sich zu der Frage der „Neuen Medien“ stellen mag – ihren Siegeszug in das Zentrum der persönlichen und öffentlichen Kommunikation wird man nicht aufhalten. Nicht zu Unrecht wird die aktuelle Kommunikationsrevolution in ihren Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdruckes vergleichen. Bereits damals waren die Kritiker alarmiert, ob der drohenden „Trivialisierung des Wissens“ - das bis dahin wenigen Privilegierten vorbehalten war.
Eines steht fest, wer im aktuellen Politik- und Mediengeschäft ernst genommen werden will, der muss sich mit den neuen Medienkanälen beschäftigen. Nach einer Analyse von „Dansk Kommunikationsforening“ nutzen 88% aller dänischen Journalisten die sozialen Medien, um an Informationen für ihre Artikel / Geschichten zu gelangen und 75% der dänischen Journalisten nutzen Facebook und Co. um ihre Geschichten zu verbreiten. Beinah alle dänischen Top-Politiker bedienen sich eines oder mehrerer dieser Medien. Während Facebook mit 3 Millionen Profilen in Dänemark ein Massenphänomen darstellt, tummeln sich auf Twitter eher die „Experten“.
Ein paar Beispiele für die Macht der neuen Medien im Kopenhagener Biotop: Der Rücktritt des Kulturminister Uffe Elbæk wurde über Facebook publik gemacht. Der hochdramatische „Putsch“ in SF wurde über Twitter und Facebook geführt bzw. zelebriert. Die Parteien lancieren neue Vorhaben fast ausschließlich in den neuen Medien. Den „alten Medien“ bleibt oft nur das „Abschreiben“. Politiker wie Søren Pind, Johanne Schmidt-Nielsen oder Margrethe Vestager setzten ihre politischen Agenda´s vor allem über Facebook und Twitter. Wer die Tageszeitungen liest, hat viele Themen bereits am Tag zuvor auf Facebook oder Twitter lesen können.
Man muss als Privatperson bei dieser ganzen Entwicklung nicht mit machen, ja man kann diese sogar zu Recht bedauern. Die Informationen aus Fernsehen und Tageszeitungen reichen alle Mal aus, um gut informiert in den Tag zu gehen. Keine Frage. Doch wer das Binnenleben von Politik und Medien verstehen möchte, der kann dies nicht, ohne Facebook und Twitter hinzuziehen. Wer Medien und Politik gar gestallten will, der kommt ohne diese „Neuen Medien“ 2013 nicht aus.

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