Deutsche Minderheit in Dänemark: eine historische Wahl mit Durchbruch als Regionalpartei


Für den Sekretär der Partei der deutschen Minderheit in Dänemark, Gösta Toft, war der gestrige Wahlabend in Nordschleswig, Dänemark, eine Genugtuung und Bestätigung seiner vieljährigen Arbeit. Die Schleswigsche Partei (SP) hat es endlich geschafft. Sie ist als Regionalpartei „angekommen“. Die Stimmenzahlen zeigen es eindrucksvoll: die Partei der deutschen Minderheit im südlichen Dänemark ist für alle Bürger wählbar. Egal ob der Minderheit zugehörig oder nicht, haben die Bürger Nordschleswigs der SP in den Wahlkabinen ihr Vertrauen ausgesprochen. Das Konzept sich als „einzige regionale Partei“ zu vermarkten, hat sich als durchschlagender Erfolg erwiesen.

Die SP erhielt in den vier Kommunen des Landesteils – Tondern, Apenrade, Sonderburg und Hadersleben 8591 Stimmen. Das ist eine Stimmenzuwachs von über 60%. Um die historische Dimension zu erkennen, reicht ein Blick auf die Stimmenzahlen der vergangenen 40 Jahre. 


Doch zurück zum Wahlabend. Im Haus Nordschleswig – dem organisatorischen Zentrum der deutschen Minderheit in Apenrade / Aabenraa – herrschte bereits bevor die ersten Zwischenergebnisse aus den Wahllokalen eintrafen beim „public viewing“ eine gute Stimmung. Der Optimismus war angebracht, denn noch nie hatten die dänischen Medien im Vorfeld einer Wahl so positiv über die deutsche Minderheit berichtet und das landesweit; ohne Berührungsängste oder Ressentiments, die das Zusammenleben mehr oder weniger unterschwellig im Grenzland lange Zeit geprägt hat. Als die Zwischenstände aus Quars, Fünshaff, Bülderup-Bau etc. peu a peu eintrafen konnte die Besucher gar nicht wirklich aufjubeln, da man der Annahme war, es „muss sich doch um einen Fehler handeln – das ist doch unmöglich“. Doch die Zwischenstände waren korrekt, wie sich im amtlichen Endergebnis zeigen sollte. Auch heute – am Tag danach – reiben sich viele Nordschleswiger verwundert die Augen. Die Ausgangslage war noch vor einigen, wenigen Jahren eine ganz andere:

Die deutsche Minderheit verbindet mit Dänemark eine wechselhafte und zum Teil sehr schwierige Geschichte. Durch eine Volksabstimmung 1920, als direkter Ausläufer des 1. Weltkrieges, sind die dänische und deutsche Minderheit im alten Herzogtum Schleswig entstanden. Schon seit dem aufkommenden Nationalbewusstsein bzw. Nationalismus im 19. Jahrhundert war das mehrsprachige  Schleswig ein Zankapfel zwischen Deutschen und Dänen. In dem Landesteil sind auch die Friesen sowie die Sinti und Roma als autochthone Volksgruppen beheimatet.

Es war jedoch vor allem die Besetzung Dänemarks durch deutschen Truppen 1940 und die nahezu totale Gleichschaltung der deutschen Minderheit, die tiefe Wunden im deutsch-dänischen Verhältnis und dem Zusammenleben zwischen Minderheit und Mehrheit hinterließen. Es sollte lange dauern, bevor sich das Verhältnis normalisierte. In diesem Kontext ist folgende Charakteristik der Entwicklung des Grenzlandes von 1945 bis heute sprichwörtlich geworden: „Vom Gegeneinander zum Nebeneinander, über das Miteinander zum Füreinander.“

Die spannende Frage die sich stellt, ist wie sich die zukünftige Entwicklung im deutsch-dänische Grenzland zeichnet und wo die Reise für die Minderheiten hinführt, die 1920 mit der Grenzziehung begann? Welche Auswirkungen hat die immer stärkere und begrüßenswerte Annäherung der Minderheiten und Mehrheiten für die Identitäten im Grenzland? Stellt die derzeitige Entwicklung die klassische Aufstellung der „nationalen Minderheiten“ in Frage? Das sind alles offene Fragen, die über die nächsten Jahre zu beantworten sind. Das hochpolitische Wahlergebnis und die historischen Jubiläen, die uns im nächsten Jahr erwarten (150. Jahrestag der Schlacht zu Düppel und 100 Jahre seit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges) bieten den idealen Rahmen für eine Reflexion über die Zukunft von nationalen Minderheiten in Europa.

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Die deutsche Minderheit zählt mit rund 15.000 Angehörigen zu den kleinen Minderheitengemeinschaften Europas.

Lesen sie mehr hier im Nordschleswig wiki oder auf der Seite des Dachverbandes Bund Deutscher Nordschleswiger.

Fotos: Schleswigsche Partei & Wikipedia

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