„Einsprachigkeit ist heilbar“: In Dänemark ist Deutsch keine Fremdsprache

Erschienen erstmals am 29. Oktober 2013 in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger"

Die Skandinavier sind in Europa für ihre guten Englischkenntnisse bekannt. Die Englischkenntnisse scheinen so gut zu sein, dass man sich Sorgen machen muss. Als der Chef des  Übersetzungsdienstes der Europäischen Union einen öffentlichen Hilfeschrei aussandte, dass Dänisch in Gefahr sei – war das nicht  der relativ kleinen Sprecherzahl der rund 5,3 Millionen Menschen oder ein Prozent der Europäischen Bevölkerung geschuldet. Nein, es lag an der eigenen, selbst gewählten Aufgabe des Rechtes in Brüssel Dänisch als Sprache zu nutzen.

Während der dänischen EU-Ratspräsidentschaft wurde es ganz deutlich. Da sprachen die dänischen Vertreter (einige besser als andere) Englisch - trotz der Tatsache, dass die Übersetzer in den Kabinen nur darauf warteten, ihre manchmal wirklich an Zauberei grenzenden Fähigkeiten einzusetzen. Doch sie werden nicht mehr gebraucht und daher auch nicht angestellt. Dänisch ist in Brüssel auf einen selbstgewählten Rückzug.

„Einsprachigkeit ist heilbar“ - ist der Wahlspruch eines Europäischen Projektes zur Sichtbarmachung der Vorteile von Sprachenlernen (www.language-diversity.eu). Leider ist auch in Dänemark der Trend  Muttersprache + Englisch erkennbar. Diese „Zweierkonstellation“ reiche aus, um sich in der globalisierten Welt bewegen zu können, so das Credo. Doch damit zementieren wir eine Einsprachigkeit - denn Englisch ist ein (wichtiges) Kommunikationswerkzeug, doch die Mehrsprachigkeit als kultureller Wert setzt das Lernen und beherrschen von mehr als „nur“ Muttersprache + Englisch voraus.

Für das Sprachenlernen gibt es gute Argumente. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Menschen, die von Kindesbeinen an zweisprachig aufwachsen, später an Alzheimer erkranken. Die Aussichten für bilingual aufwachsende Kinder, später einen guten Job zu erhalten und erfolgreich im Leben zu sein, sind ebenfalls besser, als bei Einsprachigen.

Deutschland ist in Dänemark zwar seit einigen Jahren „in“. Deutsch als Sprache hat es jedoch nicht einfach. Untersuchung zur Sprachkompetenz in Dänemark haben  über die Jahre einen Rückgang der Deutschfähigkeiten nachgewiesen.

Deutsch ist in Dänemark jedoch keine Fremdsprache. Deutsch ist die Sprache der deutschen Minderheit und damit nach europäischer Definition eine Minderheitensprache. Das bedeutet, dass sich Dänemark dazu verpflichtet hat, diese Minderheitensprache besonders zu schützen und zu fördern – für die Angehörigen der deutschen Minderheit.

Die deutsche Sprache an sich ist nicht bedroht. Das Deutsche ist eine bedeutende Regionalsprache und die meistgesprochene Muttersprache in der Europäischen Union und wird zu den zehn wichtigsten Sprachen der Welt gezählt. Doch Deutsch als Minderheitensprache ist in einigen Ländern – auch in Nordschleswig – durchaus bedroht. Es muss daran gearbeitet werden, dass die deutsche Sprache aktiv genutzt, gepflegt und in einigen Bereichen auch „revitalisiert“ wird.  Denn um das Leitbild des BDN zu zitieren: „Die deutsche Volksgruppe pflegt die deutsche Sprache und Kultur und erhält sie lebendig.“

Die dänische Politik muss mit unserer Unterstützung mehr für den Fremdsprachenunterricht unternehmen. Gleichzeitig müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es harter Arbeit bedarf, die eigene Minderheitenidentität zu bewahren und zu entwickeln. Dazu gehört für uns selbstredend auch die Beschäftigung mit der deutschen Sprache. Sie muss aktiv genutzt, gefördert und gefordert werden. Denn wie jeder Sprachplaner und Sprachaktivist in Europa predigt, ist eine der wichtigsten Punkte für die Bewahrung einer Minderheitensprache das „Prestige“. Eine Sprache muss in der Öffentlichkeit sichtbar sein und angewandt werden, um eine Zukunftschance zu haben. 

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