„Modellregion Grenzland“: Bei allen Feierlichkeiten dürfen wir die Vielfalt nicht vergessen


Erstmals erschienen im "Der Nordschleswiger" in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen.

In den kommenden Jahren werden wir im deutsch-dänischen Grenzland einige Jubiläen begehen. Im nächsten Jahr wird der Schlacht von 1864 gedacht. Der deutsch-dänische Krieg zwischen Österreich und Preußen auf der einen Seite und Dänemark auf der anderen.  2014 jährt sich auch die europäische Urkatastrophe - der Erste Weltkrieg. 2015 feiern wir 60 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen, die als „Magna Charta“ des Minderheitenschutzes gerne als europäisches Vorbild genannt werden. Im Jahre 2020 dann, als direkter Auslöser der Urkatastrophe, folgen  die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Geburtsstunde der deutschen und dänischen Minderheit.

Es gibt demnach Zeit zur Besinnung, Freunde und ja - Stolz - mit Blick auf das Erreichte im deutsch-dänischen Grenzland. Die gewachsene „Modellregion“ wird zurecht häufig als exemplarisch und mit Blick auf den Ausgleich von nationalen Gegensätzen als Inspiration und Vorbild hervorgehoben. „Vom Gegeneinander, zum Nebeneinander, über das Miteinander zum heutigen Füreinander“, ist gewissermaßen sprichwörtlich geworden. 

Bei allem berechtigten Grund zur Freude und Zufriedenheit dürfen wir in unserer Vorbildregion nicht vergessen, dass nicht alle Vielfalt „national“ ist – dass es neben der deutschen und dänischen Minderheit auch die Sinti und Roma sowie die Friesen gibt, die das Bild einer europäischen Region mit einzigartiger „Minderheitendichte“ komplementieren.

Mit Blick auf die Friesen ist die Lage ernst. Ein Zitat von dem großen Grenzlandvisionär und Minderheitenbeauftragten Kurt Hamer gibt einen Hinweis:

„Nun wissen wir, dass wir im deutsch-dänischen Grenzraum als europäischer Modellfall gelten, was die Lösung der Probleme der beiden nationalen Minderheiten angeht. Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir es nur wollen, einen zweiten Modellfall schaffen könnten, der beispielhaft für den Erhalt und die Ausweitung einer europäischen Kleinsprache wäre. Mir schwebt ein Projekt vor, das ich ‚Modell Nordfriesland‘ nennen möchte. Es müsste langfristig angelegt sein, alle Maßnahmen zur Förderung der friesischen Sprache und Kultur umfassen, und es müsste ökonomisch und ökologisch untermauert sein, damit Friesen tatsächlich in ihrer Heimat Nordfriesland Friesen sein und bleiben können.”

Diese Hoffnung von Kurt Hamer liest sich Jahrzehnte danach sehr ernüchternd. Denn die Vision ist weit, weit von der Umsetzung entfernt. Die Friesen ringen als Volksgruppe ums Überleben. Das Friesische ist in einigen Idiomen bereits vom Aussterben bedroht und die Kultur steht im zerreissenden Spagat zwischen Kommerz und Authentizität.  Um vom Ausverkauf der eigenen Kultur durch den Massentourismus auf den Inseln gar nicht zureden.

Ich war am Wochenende mit einer Gruppe überzeugter und überzeugender Friesen auf der Insel Amrum zusammen. Es befällt einen Demut, wenn man über die eigenen Minderheitenprobleme sinniert und das „existenzielle Ringen ums Überleben“ der Friesen als Kulisse der eigenen Sorgen vor sich sieht. 

Die „Modellregion Grenzland“ ist nur wirklich europäisch erstklassig, wenn auch die Friesen es schaffen ihre Kultur und Sprache zu erhalten. Dafür ist die Solidarität der Minderheiten unabdingbar, um die Vision von Kurt Hamer doch noch – und es ist „Fünf vor Zwölf“ - zu verwirklichen.  Dies wird nicht einfach, es wird auf Widerstände stoßen und einige werden den Kampf aufgeben wollen, bevor er aufgenommen wurde. Die nationalen Minderheiten im Grenzland,  Deutsche und  Dänen haben hart für ihr Erfolgsmodell gearbeitet – immer mit der Unterstützung der jeweiligen „Schutzmacht“ Deutschland und Dänemark im Rücken. Es wäre historisch einmalig und wirklich erstklassig, wenn die etablierten Minderheiten nun zur Schutzmacht der Friesen würden.

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