Von „Gucci-Helle“ zur gern gesehenen Wahlkämpferin auf Dänemarks Einkaufsstraßen



Der BLOG ist erstmals erschienen in "Der Nordschleswiger" als Kolumne "Blick aus Kopenhagen"

Falls es eine Schule für angehende Politiker geben würde, müsste dort vor allem Durchhaltevermögen und die Kraft sich von Anfeindungen nicht vom Kurs abbringen zu lassen, gelehrt werden. Wer erinnert sich noch an den vergangenen 1. Mai? Viele Genossen hatten die Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt damals höflich – und manchmal auch weniger freundlich – aufgefordert, am Tag der Arbeit doch bitte eine Urlaubspause einzulegen. Man habe mit den enttäuschten Wähler auch ohne „Gucci-Helle“ genug Probleme und brauche keine öffentlichen Auftritte der wenig beliebten Regierungschefin am traditionellen Festtag der Arbeiter: Die ultimative Demütigung für die Sozialdemokratin, die sich genau gemerkt haben wird, wer sie verteidigt und wer sie in der Krise mehr oder weniger offen im Regen hat stehen lassen.

Wie anders sieht die politische Welt doch heute, nur ein halbes Jahr später, aus. Die Wähler blicken der dänischen Regierungschefin beim Kommunalwahlkampf freundlich auf den Fußgängerzonen des Landes entgegen und man spürt förmlich den Stolz der lokalen Folketingsabgeordneten und Bürgermeisterkandidaten, wenn sich Helle für sie in den Wahlkampf „schmeißt“.

Doch auch dies ist nur eine Momentaufnahme, die sich in der radikal-umbarmherzigen Mediendemokratie schnell ändern kann. Das weiss auch Helle Thorning. Deshalb wird derzeit im Staatsministerium darüber nachgedacht, wie man die positive Grundstimmung konservieren kann - unabhängig von flüchtigen Beliebtheitswerten der handelnden Akteure. Der amerikanische Präsident Bill Clinton hat mal auf die Frage was Wahlen entscheidet geantwortet: „it´s economy, stupid“. Ähnlich wird es auch auf Slotsholmen gesehen und daher wird dem derzeit zu verhandelnden Finanzhaushalt besondere Aufmerksamkeit zuteil.

Der bereits mit mythischen Attributen versehene dänische Finanzminister Bjarne Corydon steht dabei im Mittelpunkt.  Er wird Don Corydon gennant, dem unbarmherzigen Mafia-Boss Don Corelone nachempfunden, der als graue aber überaus mächtige und furchteinflößende Eminenz das Geschehen souverän überblickt und lenkt. Dieser analytische, bisweilen eiskalt verhandelnde sozialdemokratische Stratege leitet derzeit die Gespräche über den jährlichen Finanzhaushalt. Da Dänemark eine Minderheitenregierung hat, muss sich diese für das Haushaltsgesetz eine parlamentarische Mehrheit beschaffen. Die Frage nach der parlamentarischen Mehrheit ist jeder Minderheitenregierung sozusagen in die politische DNA geschrieben und nichts ist dramatischer, als wenn sich keine solche Mehrheit besorgen lässt.

Die Charakteristik des Finanzministers will durchaus respektvoll – auch im Lager der Opposition – verstanden werden. Es sind sicher spannende Verhandlungen, die sich derzeit im Finanzministerium zwischen Don Corydon und der jungen, charismatischen Verhandlungsführerin Johanne Schmidt-Nielsen von der Einheitsliste abspielen. Alles wartet darauf, dass die Regierung einen Finanzhaushalt mit der linken Enhedslisten abschließt. Es bleibt der Regierung zwar die Alternative, erneut einen Haushalt mit der bürgerliche Opposition zu verabschieden. Das erwartet aber niemand. Politisch-strategisch soll es ein „sozialer Haushalt“ werden, der dem Wähler nahelegt, dass nun – nach zwei Jahren des notgedrungen Sparens und Aufräumens nach unverantwortlicher bürgerlicher Wirtschaftspolitik -  bald alles wieder im Lot ist und die mutige und gewissenhafte Regierung richtig gehandelt hat. 

Wenn dann die heimische Wirtschaft anzieht, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Umfragewerte gut sind, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass wir Helle Thorning-Schmidt im Frühling oder Sommer wieder auf den Fußgängerzonen antreffen – diesmal in eigener Mission, um mit einem Blitzwahlkampf die Gunst der Stunde zu nutzen und die Regierungsmacht mit einer vorzeitig ausgeschriebenen Folketingswahl zu sichern.

Einschränkend sei abschließend hinzugefügt, dass die oben genannte (leider) nicht existierende „Politiker-Schule“  sicher lehren würde, das nichts so flüchtig ist, wie Prognosen über den nächsten dänischen Wahltermin … 

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