Schleswig-Holstein will sie und Wales hat sie: Wie entwickelt man eine Sprachenpolitik


In Schleswig-Holstein ist seit der Wahl 2012 erstmals die Partei der dänischen Minderheit und Friesen – SSW – an einer Landesregierung beteiligt. Mit großer Spannung wird daher die   Minderheitenpolitik der „Küstenkoalition“ verfolgt. Alle Beteiligten, nicht zuletzt vom SSW, wissen, dass sie unter verschärfter Beobachtung stehen. Was wird ganz konkret für die Minderheiten geleistet und welche Verbesserungen kann man nach vier Jahren in der Regierung für die Sinti, Friesen und Dänen verzeichnen? Die ersten Monate stimmen zuversichtlich – im Bereich der Förderung und des europäischen Engagements hat sich die Regierung, vor allem auch mit Unterstützung der Minderheitenbeauftragten Renate Schnack, besonders ins Zeug gelegt.

Ein wesentlicher Punkt, der derzeit immer wieder zu hören ist und deutlich die SSW-Handschrift trägt, ist der „Handlungsplan Sprachenpolitik“, der sich ausdrücklich im Koalitionsvertrag findet:

Die Sprachenvielfalt Schleswig-Holsteins ist bundesweit einmalig und eine Bereicherung für das gesamte Land. Neben dem Hochdeutschen und den Minderheitensprachen Dänisch, Friesisch und Romanes gibt auch die plattdeutsche Sprache dem Land einen kulturellen Reichtum, den wir pflegen und nutzen wollen. Die offizielle Mehrsprachigkeit stellt nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich eine Bereicherung dar. Wir werden die sprachliche Vielfalt sichtbar machen und dieses Alleinstellungsmerkmal zur Darstellung Schleswig-Holsteins nach außen nutzen. Das Land wird gemeinsam mit den Kommunen einen „Handlungsplan Sprachenpolitik“ erarbeiten, der konkrete Zielsetzungen, Fördermaßnahmen und einen Zeithorizont der Umsetzung benennt.

Ministerpräsident Torsten Albig hat die Sprachpolitik im November am Deutschen Tag in Tingleff und jüngst anlässlich des Jubiläums des Amtes der Minderheitenbeauftragten in Kiel hervorgehoben.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Denn eine Sprachenpolitik (im Sinne von language policy) zu entwickeln ist bereits theoretisch eine anspruchsvolle Aufgabe und einen Handlungsplan im Sinne von (policy measures) stellt auch an die konkrete Umsetzung und die Politik (in Sinne von Durchsetzung definierter Politikziele) große Herausforderungen.

Es muss jedoch nicht das sprichwörtliche Rad neu erfunden werden. Es gibt einen Berg an Literatur und Erfahrungen in diesem Bereich. Wales, Baskenland, Katalonien sind sicher die Top-Adressen, um sich anzuschauen, wie es geht. Auch die Bretagne, Südtirol oder die Finnlandschweden, die gerade ihre eigene Sprachpolitik entwickelt haben, unter Vorsitz des Friedensnobelpreisträgers Athissari, bieten sich als „Beste Praxis Beispiele“ an.

Wer eine erste gute Zusammenfassung haben möchte, welche große Herausforderungen und spannenden Aufgaben auf die Akteure vom Land Schleswig-Holstein und den Minderheiten des Landes (denn nur in einem gemeinsamen Ansatz lassen sich die vielen Herausforderungen meistern) kann dies in dem Aufsatz von Jeroen Darquennes im Rahmen des FUEV-Netzwerkes RML2Future nachlesen. Es ist ein kurzweiliger Ausblick, in dem man einen Eindruck von den vielfältigen Fragen, wie zum Beispiel Korpus-, Status- und Spracherwerbsplanung (alle Bestandteil einer guten Sprachpolitik) findet. 

Ganz wichtig erscheint jedoch, sich an den fünf Punkte-Plan von Darquennes zu halten:

  1. Bestandsaufnahme der Lage der Minderheitensprache in der jeweiligen Sprachgemeinschaft.
  2. Identifizierung von Bedürfnissen im Hinblick auf den (weiteren) Erhalt der Minderheitensprache.
  3. Verbindung der Bedürfnisse mit konkreten Zielsetzungen.
  4. Entwicklung von Maßnahmen und eines Stufenplans zur Implementierung dieser Maßnahmen und zur Konkretisierung der Zielsetzungen (im walisischen Kontext ist hier die Rede von ‚language schemes’).
  5. Evaluierung der entwickelten Maßnahmen.

Ob es gelingt, das ehrgeizige Ziel nicht nur eine Sprachenpolitik sondern auch einen dementsprechenden Handlungsplan zu entwickeln, wird sich zeigen. Zumindest scheint es der Regierung ernst zu sein. Doch eines ist auch klar, es wird mit Worten nicht zu erreichen sein. Es muss Geld investiert werden, denn drei zusätzliche Lehrerstellen und etwas Projektförderung macht noch keine Sprachenpolitik aus, die ihren Namen verdient. Eine Sprachenpolitik mit Handlungsplan ist komplex, umfangreich und kostet Geld. Doch jeder Euro ist gut investiert, wenn man es ernst meint, die Sprachenvielfalt des Landes proaktiv zu gestalten.

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