Sind die Minderheiten Europas Verschwörungstheoretiker und Hyper-Sensibel?



Seien wir ehrlich, den Vorwurf kennen alle Minderheiten, Volksgruppen, Nationalitäten in Europa und viele haben sich selbst schon die Frage gestellt: Sind wir nicht einfach zu sensibel? Wittern wir nicht hinter jedem sprichwörtlichen Baum eine Diskriminierung oder zumindest eine Ungerechtigkeit? Ist es nicht vielmehr so, dass es uns so gut geht, wie noch nie in der Geschichte? Die individuellen Menschenrechte in der „Wertegemeinschaft Europa“ blühen und die Minderheiten haben Beteiligungsrechte, wie noch nie in der Geschichte unseres Kontinentes? 

Dass wir Minderheitenvertretern in einigen Situationen sehr wachsam sind, einige würden wohl auch das Wort sensibel akzeptieren, hat mit historischen Erfahrungswerten zu tun. Es bleibt eine Tatsache, dass es zumeist die Minderheiten gewesen sind, die diskriminiert oder im machtpolitischen Spiel der Mehrheiten missbraucht worden sind. Vorsicht ist also sozusagen angelernt.

Dass es den Minderheiten so gut geht wie wohl noch nie in der Geschichte, das ist eine Wahrheit mit Modifikationen. Das mag zutreffen für die beiden nationalen Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland, Südtirol, Westfriesland, Finnland-Schweden und den Autonomiegebieten im Westen Europas. Doch die Liste der Beispiele, wo die Minderheiten weit von einem Idealzustand entfernt sind, ist bedeutend länger.

Die Situation der 10-14 Millionen Roma in Europa spricht für sich. Sie sind als autochthone Minderheiten in fast jedem Staat anzutreffen. Sie leben vielerorts in „Inseln der dritten Welt“ mitten in Europa und müssen tagtäglich Diskriminierung in Reinform ertragen.  

Neben den Roma bedarf es nur eines Blickes in die Tagespresse, um die Brisanz der Minderheitenfragen einschätzen zu können. In Kroatien hat es eine (bedauernswerte) Volksbefragung gegeben. Eine Mehrheit der Kroaten lehnt die Einführung von gleichgeschlechtlichen Ehen ab. Der „Erfolg“ soll nun flugs wiederholt werden. Nationalistische Kroaten planen ein Referendum zur Abschaffung von Minderheitenrechten, der in einigen Teilen des Landes kompakt siedelnden serbischen Minderheit. Die Wunden des Krieges sitzen noch tief.

Doch schließen möchte ich mit meinem negativen „Lieblingsbeispiel“: Griechenland. Denn an Griechenland, der Wiege der Demokratie, lässt sich auch das komplette Versagen der Wertegemeinschaft Europa ablesen: 
Es ist in West-Thrakien, wo unsere türkische Minderheit lebt, erneut zu einem Eklat gekommen, als bei einer wissenschaftlichen Tagung, dem Vertreter der Minderheit – trotz geregelter Übersetzung – verboten wurde, in seiner türkischen Muttersprache zu referieren. Aber das ist nur eine Randbemerkung in einem europäischen Skandal von Dimensionen, wo sich eine Regierung in Athen weigert, ihre Minderheiten (Mazedonier und Türken) überhaupt als solche anzuerkennen; Rechtsfaschistische Bewegungen bedrohen die Minderheiten auf Leib und Leben, Bilinguale Kindergärten werden verboten und die Religionsfreiheit wird gegen alle internationalen Bestimmungen massiv eingeschränkt. 

Griechenland wird derzeit von A-Z umgebaut. Eine Gesellschaftsreform sozusagen aus Geldnot und Druck der europäischen Partner. Doch bei den ganzen Reformen wurde nicht einmal in Erwägung gezogen, Griechenland im Punkte Minderheitenschutz zum Einhalten der gängigen Standards aufzufordern. Der Europarat und der Gerichtshof in Straßburg haben die Regierung in Griechenland rechtskräftig verurteilt. Es geschieht gar nichts. Athen macht weiter wie gehabt. 

Da soll noch einer behaupten, die Minderheiten seien sensibel – sie sind realistisch. 

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