Der Klimawandel ist uninteressant: Minister gibt sich selbstkritisch

Martin Lidegaard & Ida Auken

Erstmals erschienen in der Kolumne "Blick aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" am 22. Oktober 2013

Lars Løkke Rasmussen erlebt derzeit sein zweites Klima-Waterloo. 2009 beim Weltklimagipfel in Kopenhagen – der als Fiasko in die Geschichte eingegangen ist – machte er als Verhandlungsführer keine besonders gute Figur. Nun muss er sich als Präsident der Klimaorganisation GGGI (Global Green Growth Institute)  kritischen Fragen hinsichtlich seiner Reisetätigkeiten (und der seiner Tochter) stellen. Die Medienmaschinerie ist der Logik der Skandalisierung von Politik folgend, gnadenlos angesprungen.

Anders sieht es beim Thema Klima an sich aus. Wer mag noch über Erderwärmung oder Meeresspiegelanstieg lesen? Kein Journalist stellt die Frage, was die Løkke-Klima-Organisation eigentlich so macht und warum Dänemark diese finanziert. Das Thema ist out, äußerst unattraktiv und empört derzeit nur wenige:  „Ach, die übertreiben doch alle. So schlimm wird es wohl nicht werden. Wir können eh nichts ändern.“ Der Klimadiskurs wird von Skepsis und Defätismus geprägt. 

Dabei gibt es keinen Zweifel: der Klimawandel kommt; oder besser noch, er ist im vollen Gange. Kein Wissenschaftler oder Politiker, der als seriös gelten mag, wird dieses bestreiten. Wie konkret die Auswirkungen des menschengeschaffenen Klimawandels sich äußern werden und ob nun erst 2050, 2070 oder 2100 auch unsere Lebenswirklichkeit (im „Westen“) bedroht sein wird, mag im Detail noch heftigst umstritten sein. Die Frage, ob es einen Klimawandel überhaupt gibt, ist beantwortet. Dass dieser Klimawandel bereits konkrete Auswirkungen zeigt, ist ebenfalls klar – diese treffen vor allem die ärmsten Regionen unserer Welt.

Es ist interessant sich die Haltung des dänischen Klima- und Energieministers Martin Lidegaard vor Augen zu führen. In einer lesenswerten Chronik „Das Klima ist tabu, das muss durchbrochen werden“ in der Tageszeitung Politiken, hat der Linksliberale (Radikale Venstre) Politiker sich unter anderem  mit der Frage beschäftigt, warum die Klimadebatte aus der Öffentlichkeit beinah gänzlich verschwunden ist.

„Die globale Erwärmung ist eine Realität. Sie kostet Menschenleben und Milliarden von Kronen und das bereits heute, Jahr für Jahr. Auf Dauer wird die Klimaveränderung die Lebenswirklichkeit für Millionen von Menschen dramatisch verändern und auch die Dänen werden dies spüren“, so der Minister.

Dabei ist Lidegaard – ungewöhnlich aber nicht unsympathisch für einen Politiker – durchaus selbstkritisch: „Viele Monate lang bin ich selbst der Auffassung gewesen, dass es einfacher sei, politische Ergebnisse im Umweltbereich  zu erzielen, wenn man weniger über das Klima und um so mehr über Versorgungssicherheit, „Grüne Arbeitsplätze“ und Wettbewerbsverbesserungen spricht“, so Lidegaard. (Die Grünen in Deutschland lassen grüßen).

Schaut man sich die drei Schlagwörter des „Umwelt-Business“ an – nämlich Versorgungssicherheit, Grüne Arbeitsplätze und Wettbewerbsvorteile – dann spielt die  Energiewirtschaft eine maßgebliche Rolle und Dänemark ist in der Welt mit führend in diesem Bereich. 61 Milliarden Kronen, oder 10% des gesamten dänischen Exports sind auf diese Energietechnologie zurückzuführen. 4,6 Milliarden oder 10% ihres gesamten Forschungsetats hat die Privatwirtschaft 2009 allein in diesen Sektor investiert. Ein Zukunftsmarkt – umweltpolitisch wichtig und sehr lukrativ. Aber eben nicht der Schlüssel zur Lösung des Klimawandels und des Widerspruchs, der auf die weltweit dominierende Wirtschaftswachstumsstrategie zurückzuführenden Zerstörung der Natur.

Nach der Chronik des Ministers hat Dänemark im Oktober ihren „Wachstumsplan für Energie und Klima“ vorgelegt (was man sich unter Wachstum des Klimas vorzustellen hat, erschließt sich dem Leser nicht wirklich). Es findet sich in dieser konkreten Politikstrategie leider nichts Selbstkritisches. Ich möchte nicht als Kassandra oder wirtschaftsfeindlich verstanden werden: Es ist erfreulich und gut, dass es in Dänemark einen politischen und gesellschaftlichen Konsens gibt,  diese wichtige Zukunftstechnologie und Einnahmequelle für Dänemark zu sichern. Doch eine Lösung, wie Dänemark stärker und nachhaltiger gegen den Klimawandel und die „Wachstumslogik“ vorgehen möchte, bietet die Politik (noch) nicht. Wenn man dem Klimaminister glauben mag, ist dies jedoch dringend geboten:

„Es ist sicher die größte Herausforderung meiner Generation der Politiker. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, werden die Folgen und Kosten unmöglich oder sehr, sehr schwer zu lösen sein. Wir übergeben diese Rechnung dann an unsere Kinder und Enkelkinder. Das ist unverantwortlich.“

Folketing bei Facebook: "Wie früher in den Versammlungshäusern, nur ohne Kaffee"


Erstmalig erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" im Der Nordschleswiger.

Am 23. September 2013 brach für das dänische Parlament – Folketinget - eine neue Zeitrechnung an. Mit einem Video-Auftakt des Vorsitzenden, Mogens Lykketoft (hier der Youtube-Link zum nachschauen: 

hat die dänische Legislative sich ein Facebook-Profil zuglegt. Mogens Lykketoft meint dazu: „Wir müssen dort sein, wo die Bürger sind. Ich erhoffe mir eine Kommunikation, wie früher in den dänischen Versammlungshäusern, nur ohne Kaffee. Das Interesse ist überwältigend: nach nur drei Tagen hat das Folketing 6924 „likes“ (so heißen bei Facebook die Sympathiebekundungen).

Die Schleswigsche Partei hat das Mittel der direkten Kommunikation mit Sympathisanten und potentiellen Wählern ebenfalls entdeckt. Allen voran Stephan Kleinschmidt, der sich mit seiner Facebook-Kommunikation hinter den im Landesteil aktiven Folketing-Politikern nicht zu verstecken braucht. Es wird dabei oft von den „Neuen Medien“ gesprochen. Diese Begrifflichkeit ist ein Euphemismus. Denn an den „Neuen Medien“ ist nichts neu, sie sind vielmehr „die“ Medien. Es gibt weltweit 1,1 Milliarden Facebook-Mitglieder (Mai 2013) und 1,7 Milliarden Twitter – Profile (um die beiden derzeit führenden Medien zu nennen – die längst nicht einzigen: Klout, Youtube, Forsquare, LinkedIn, Tumblr, Flickr).

Die Gefahren (unbestreitbar) und die Möglichkeiten (ebenfalls unbestreitbar) der neuen Kommunikationsformen können hier nicht diskutiert werden. Nur eine Anmerkung sei erlaubt: egal wie man sich zu der Frage der „Neuen Medien“ stellen mag – ihren Siegeszug in das Zentrum der persönlichen und öffentlichen Kommunikation wird man nicht aufhalten. Nicht zu Unrecht wird die aktuelle Kommunikationsrevolution in ihren Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdruckes vergleichen. Bereits damals waren die Kritiker alarmiert, ob der drohenden „Trivialisierung des Wissens“ - das bis dahin wenigen Privilegierten vorbehalten war.
Eines steht fest, wer im aktuellen Politik- und Mediengeschäft ernst genommen werden will, der muss sich mit den neuen Medienkanälen beschäftigen. Nach einer Analyse von „Dansk Kommunikationsforening“ nutzen 88% aller dänischen Journalisten die sozialen Medien, um an Informationen für ihre Artikel / Geschichten zu gelangen und 75% der dänischen Journalisten nutzen Facebook und Co. um ihre Geschichten zu verbreiten. Beinah alle dänischen Top-Politiker bedienen sich eines oder mehrerer dieser Medien. Während Facebook mit 3 Millionen Profilen in Dänemark ein Massenphänomen darstellt, tummeln sich auf Twitter eher die „Experten“.
Ein paar Beispiele für die Macht der neuen Medien im Kopenhagener Biotop: Der Rücktritt des Kulturminister Uffe Elbæk wurde über Facebook publik gemacht. Der hochdramatische „Putsch“ in SF wurde über Twitter und Facebook geführt bzw. zelebriert. Die Parteien lancieren neue Vorhaben fast ausschließlich in den neuen Medien. Den „alten Medien“ bleibt oft nur das „Abschreiben“. Politiker wie Søren Pind, Johanne Schmidt-Nielsen oder Margrethe Vestager setzten ihre politischen Agenda´s vor allem über Facebook und Twitter. Wer die Tageszeitungen liest, hat viele Themen bereits am Tag zuvor auf Facebook oder Twitter lesen können.
Man muss als Privatperson bei dieser ganzen Entwicklung nicht mit machen, ja man kann diese sogar zu Recht bedauern. Die Informationen aus Fernsehen und Tageszeitungen reichen alle Mal aus, um gut informiert in den Tag zu gehen. Keine Frage. Doch wer das Binnenleben von Politik und Medien verstehen möchte, der kann dies nicht, ohne Facebook und Twitter hinzuziehen. Wer Medien und Politik gar gestallten will, der kommt ohne diese „Neuen Medien“ 2013 nicht aus.