Auf der Suche nach dem verlorenen Wähler


Der Artikel ist erstmals erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" im "Der Nordschleswiger"

Das Jahr 2014 wurde politisch mit der Rede der dänischen Regierungschefin Helle Thorning Schmidt eingeläutet. Keine Angst, hier folgt kein weiterer Kommentar auf diese Rede. Eher scheinen die Merkel-, Thorning-, Bundespräsidenten- und Königinnen-Reden (und dazugehörigen Analysen) etwas künstlich überbewertet. Politik wird nicht durch 15-minütige Botschaften definiert.

Helle Thorning-Schmidt hat in ihrer Rede versucht eine Grundstimmung zu legen, die als Indiz dafür herhalten kann, was 2014 politisch folgen wird. Liest man ihre Rede aus dieser Prämisse heraus, ergeben sich einige Überlegungen.

Politiker verfolgen - grob gesprochen - zwei Ziele. Sie möchten sich für die Gesellschaft einsetzen, Gutes tun und sie wollen wiedergewählt werden. Nach der Logik unseres politischen Systems ist die Wiederwahl Grundbedingung dafür, weiterhin "Gutes tun zu können". Der Gedanke an die Wiederwahl steht im Vordergrund. Daher ist es nur folgerichtig, dass sich Helle Thorning-Schmidt beim Verfassen der Neujahrsbotschaft gemeinsam mit ihren Beratern überlegt haben wird, wie gewinne ich die verlorenen Wähler zurück? Für die regierende Sozialdemokratin ist hier einiges zu tun. Bei der letzten Wahl verzeichnete die Sozialdemokratie das schlechteste Ergebnis ihrer ruhmreichen Geschichte.

Die Wähler wandern vor allem zur Dansk Folkeparti. Es sind vor allem Wähler, die man früher gemeinhin Arbeiter oder Gering-Verdiener nannte sowie Rentner, die die Partei verlassen haben. Sozusagen ein Exodus der ehemaligen Kernwähler der Sozialdemokraten. Diese haben sich peu a peu Dansk Folkeparti angenähert, die sich als "Anwalt des kleinen Mannes" kombiniert mit rechtspopulistischen Botschaften, geschickt und erfolgreich in Szene setzt.

Helle Thorning-Schmidt hat eine "ur-sozialdemokratische" Rede gehalten. Die an Solidarität, Fürsorge, an die Schwachen, die Senioren und das allgemeine Wir-Gefühl appellierte. Alles Kernwerte, die bei Sozialdemokraten und Dansk Folkeparti ankommen.

Daher auch im Wahljahr zum Europäischen Parlament kein (sic!) Wort zu Europa. Das könnte ja die Wähler von DF vergrätzen, die man sich so sehnlich wieder ins sozialdemokratische Lager wünscht. Das gibt einen Vorgeschmack auf den "Nicht-Wahlkampf", der uns im Frühling / Sommer 2014 erwarten wird und Dänemark noch weiter ins europäische Abseits und damit in die Bedeutungslosigkeit führen wird.

Die Signale verdichten sich, dass es 2014 ein politisches Ziel sein wird, die DF-Wähler nicht nur unterschwellig sondern sehr aktiv zurückzugewinnen. Man umwirbt sie, nicht nur mit den Inhalten der Thorning-Rede. Minister Henrik Sass-Larsen hat am Wochenende einen Frontalangriff auf das fehlende Rollenverständnis der linksgerichteten Einheitsliste geführt. Mit dem Verweis, man solle sich doch mal mit Frau Kjœrsgaard (der ehemaligen Vorsitzenden von DF) zum Kaffee treffen und sich beraten lassen, wie man sich als Mehrheitsbeschafferin im Parlament zu verhalten habe. Das wird nicht nur Frau Kjœrsgaard sondern auch die DF-Wähler freuen. Nichts ist von dem Ausspruch Nyrup Rasmussens - "ihr werdet niemals stubenrein" - geblieben, den er als Regierungschef in den 90er Jahren Richtung DF ausstieß.

Ein weiteres Beispiel: Sozialdemokraten hatten noch am Ende des Jahres zu einer "vorurteilsfreien" Zusammenarbeit mit DF geraten, man sei sich in vielen Politikbereichen einig. Erneut Balsam für die ehemals "Paria-Seele" der DF-Politiker. Die Äußerungen blieben unbestritten von der Parteiführung. Die Wähler von DF werden verstärkt angesprochen, ja umgarnt. Nach dem Credo: Seht her, wir sind euch nicht böse, ihr habt ja recht gehabt DF zu wählen, aber nun kommt zurück, wo ihr hingehört.

Es wird interessant zu verfolgen, welche konkreten Initiativen die Sozialdemokratie auf der Mission "Wiedergewinnung der verlorenen DF-Wähler" ergreifen wird. In der Zwischenzeit kann sich die Parteiführung von DF vergnügt die Hände reiben: Bei so viel Aufmerksamkeit wird Dansk Folkeparti wohl kaum Gefahr laufen 2015 Wählerstimmen einzubüßen.   

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