Bahnqualen


Der Artikel ist erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger".

Ich gebe zu, ich bin beim Thema Bahn nicht ganz objektiv. Ich bin ein Vielreisender, verbringe zahlreiche Stunden in Zügen und bin dabei ein bekennender Fan dieser Reiseform. Vieles kann ich verzeihen - sogar Schienenersatzverkehr; man kommt seinen Mitmenschen näher, was durchaus interessant sein kann. Ja, ich bin wohl das, was man auf neudeutsch einen Bahn-Nerd nennt. Sich zurücklehnen, das IPad rausholen, lesen, Musik hören, TV-Serien schauen während die Landschaft an einem vorbeisaust - dabei kann ich bestens entspannen. 

Manchmal ist das Leben als Bahnenthusiast schwer. DSB und DB haben schon einige Mal mich meinen "inneren Buddha" suchen lassen. Doch die Leidenschaft bleibt ungebrochen. Ich lese mit Spannung alles über neue Züge, neue Verbindungen. Vor allem interessiert mich jedoch, wie unsere deutsch-dänische Grenzregion - die sich bekanntlich zu einer "richtigen" deutsch-dänischen Region ohne Grenze mausern will - die kollektiven Verkehrsfragen gemeinsam angeht.

Mit viel Begeisterung und Vorfreude habe ich daher dem Ende der Verhandlungen zum so genannten "Togfonden" entgegengefiebert. Ich gebe gerne zu, dass ich mich schnell mit dem Gedanken anfreunden konnte, den "Kapitalisten der Nordsee" mehr Steuergelder aus der Tasche zu ziehen und damit den Ausbau des kollektiven Verkehrs in Dänemark zu finanzieren. Ich war während der Verhandlungen zwar skeptisch, ob unsere Region nun wirklich Epochales erwartet, aber nie war ich auf den Gedanken gekommen, dass für Nordschleswig gar nichts rausspringen würde. Als ich die konkrete Ausformung des neuen Kompromisses las, blieb mir der Kaffee im Hals stecken. 1 Minute Verbesserung zwischen Tingleff und Sonderburg ... Mehr soll für Nordschleswig, der Drehscheibe des von allen hymnisch besungenen Jütlandkorridors, dem Tor zum Süden nicht drin sein? Das kann sich doch nur um einen Scherz handeln, so die erste Reaktion. 

Die Hintergründe sind in der Zwischenzeit vielfach kommentiert worden und auch die Bürgermeister haben sich kritisch geäußert. Bei genauerem Studium haben natürlich die beiden Vertreter der Regierungsfraktion im Folketing, Benny Engelbrecht und Jesper Petersen (beide Sozialdemokraten) recht, wenn sie sagen, dass sich eine Fahrt von Sonderburg nach Kopenhagen um 50 Minuten verkürzt. Das ist für "Extrem"-Pendler, wie ich es einer bin und mindesten einmal pro Woche die Strecke Nordschleswig-Kopenhagen-Nordschleswig unternehme, eine grandiose Sache. Aber es bleibt eine Tatsache, dass für Maßnahmen im Landesteil explizit in dem neuen Verfügungsfonds nichts vorgesehen ist. 

Die Frage der Anbindung an Schleswig-Holstein, nach Deutschland spielt gar keine Rolle in den Überlegungen: soviel zur Bedeutung der deutsch-dänischen Region bei den Verkehrsplanern in Kopenhagen. 
Ich wage in diesem Zusammenhang eine undokumentierte, wahrscheinlich auch nicht zu beweisende Vermutung. Mit der Entscheidung der Fehmarnbelt-Tunnelung hat man sich auch dafür entschieden, die Zugverbindung an der direkten deutsch-dänischen Landgrenze zu vernachlässigen und nur das nötigste zu investieren. Ist doch auch - ganz emotionslos analysiert - nachzuvollziehen. Mit der neuen deutsch-dänischen Verkehrsanbindung werden die Metropolen Hamburg-Kopenhagen sozusagen direkt verbunden. Da muss man ja auch nicht unbedingt unnötig schnell und viel Geld in die Strecke von Lunderskov nach Flensburg investieren. Es beschleicht einen das Gefühl, dass die Fehmarnbelt-Querung gesiegt hat und der kollektive Verkehr an der Landesgrenze vorbeigeführt werden soll. 

Christian Juhl von der Einheitsliste, der am vergangenen Wochenende mit seinem Vortrag in Sankelmark gut ankam, forderte die Enttäuschten auf, sich zusammenzuschließen. Solidarisch gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen, denn aus Christiansborg allein sei keine Rettung zu erwarten. Es wird sich zeigen müssen, wie stark die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und der Wille in Kiel und Vejle wirklich ist und was die Bürger, die Unternehmen, Gewerkschaften gemeinsam an Druck mobilisieren können. Schafft wir es nicht, in Kopenhagen (und Berlin) mit Blick auf die Bahnvebindungen uns Gehör und vor allem messbare Ergebnisse zu verschaffen, dann sollte man sich auch nicht wundern, wenn bei der nächsten "Schlacht" das Grenzland wieder den Kürzeren zieht und - überspitzt formuliert - mit der partiellen Förderung von Kultur und Vielfalt sich begnügen muss. 

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