Edward Snowden und das dänische Schweigen


Der Artikel ist erstmals erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger".

Deutschland wird gerne wegen einer Tendenz zur "Kopflastigkeit" belächelt. Alles muss problematisiert werden und immer so schwierig, bürokratisch und unflexibel daherkommen. Das Land der Dichter und Denker heißt es so schön und nicht das Land der Pragmatiker. Ganz anders dahingegen Skandinavien: locker, lösungsorientiert und auf Vertrauen beruhend.

Allgemeinaussagen über ganze Bevölkerungen, wie "die Deutschen" oder "die Dänen" neigen zur Übertreibung. Wir leben heute alle viel zu international. Alles ist vernetzt und grenzüberschreitend geworden - nationale Eigenheiten verschwimmen. Doch ich wage zu behaupten, dass ein jeder, der in beiden Kulturen zu Hause ist, ein Fünkchen Wahrheit in den Stereotypen zu erkennen vermag.

Doch nun zu meinem Anliegen: Ich wünsche mir in Dänemark mehr Kopflastigkeit. Natürlich nicht in allen Bereichen der Gesellschaft; die dänische Leichtigkeit und der Pragmatismus sind Gold wert. Doch in einem zentralen Punkt erscheint mir die dänische Nonchalance beunruhigend: Bei der Frage nach der Beschäftigung mit der weltweiten, grenzlosen digitalen Revolution.

In Dänemark wird bei dem Namen Edward Snowden - dem mutigen Whistleblower, der den Rest seines Leben um dasselbe wird bangen müssen - oft schon die Augen verdreht. Medienvertreter verstehen die deutsche Hysterie, die nun in einem Untersuchungsausschuss münden wird, nicht: "Die Amerikaner haben mit der NSA spioniert? Na und, wir haben nichts zu verbergen", so das Credo. In Dänemark wurde man erst verärgert, als man aus den von Snowden veröffentlichten Dokumenten ersehen konnte, dass Dänemark bei den Amerikanern erst in der Dritten Liga der "interessanten und überwachungswürdigen Länder" geführt wurde. Ein leichtes Aufflackern der Diskussion gab es neulich, als herauskam, dass der wenig erfolgreiche Klimagipfel in Kopenhagen und die dänische Präsidentschaft ebenfalls von der NSA bespitzelt wurden.

Doch eine prinzipielle Beschäftigung mit der Frage nach der Bedeutung und des Umgangs mit der digitalen Revolution ist nur in Fachkreisen zu finden. In Dänemark ist der "gläserne Bürger" ein seit Jahrzehnten bekanntes Phänomen. Wer seine vier letzten Ziffern der sog. CPR-Nummer nicht kennt, existiert quasi nicht. Informationen auch die persönlichsten, werden gerne und freigiebig verteilt und veröffentlicht. Ganz anders in Deutschland, wo seit Monaten ein heiße Debatte entbrannt ist, wie mit der Datensicherheit umzugehen und wie die "(Schöne) neue Welt" der Digitalisierung demokratisch im Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit zu gestalten ist. Und das nicht erst seitdem klar wurde, dass Bush und Obama bei Merkel und Schröder mitgehört haben, wenn diese vertrauliche Telefonate geführt haben.

Es sind nicht wenige Stimmen, die behaupten (zuletzt Martin Schulz in einem Lesenswerten Beitrag in der FAZ - http://bit.ly/1kYp3gk), dass die Digitalisierung eine größere gesellschaftliche Revolution ausgelöst hat bzw. auslöst, als die Industrielle Revolution des 19. Jahrhundert. Diese hat bekanntlich mit ihren technischen Ausläufern und gesellschaftlichen Umwälzungen unser Leben bis heute bestimmt.

Keine Frage, als "digital native" bedanke ich mich tagtäglich für die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation, der Demokratisierung des Zugangs zu Wissen und Information. Doch die digitale Revolution ist auch erschreckend. Die unter dem Schlagwort "Big Data" zusammengefasste Möglichkeit, alle Kommunikation der Welt in Echtzeit zu speichern, durch-suchbar zu machen und daraus Informationen zu generieren, lässt einen frösteln. George Orwell und 1984 werden zurecht herbeizitiert.

Das Problem sind nicht Facebook oder eine Jugend, die sich nur noch über SMS und digital zu unterhalten weiss. Die Kommunikations- und Interaktionsformen werden sich ändern. Das was "Neue Medien" genannt wird, ist die Lebenswirklichkeit der jungen Generation. Ob wir das nun bedauern mögen, oder nicht. Auch gegen die Eisenbahn und Dampfschifffahrt hat man sich gewehrt, genützt hat das wenig. Die wirklich entscheidenden Schlachten sind woanders zu schlagen, sozusagen nicht auf der Phänomen-Ebene Facebook sondern prinzipieller Natur. Wie sieht die Freiheit jedes Einzelnen aus, wenn alle seine Informationen öffentlich und einsehbar sind? Wie wird unsere Privatsphäre beeinträchtig, wird die Privatsphäre als Anachronismus vielleicht ganz "abgeschafft"? Viele Fragen, wenig Antworten. Der Anfang einer gesamtgesellschaftlichen kritischen Debatte, in welcher digitalen Zukunft wir zu leben wünschen, ist in Dänemark überfällig. Inspiration gibt es im kopflastigen Land der Dichter und Denker "nebenan" zu holen ...

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