Einwenig mehr Respekt, bitte!


Der Artikel ist erstmals erschienen im Rahmen der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger"

Nur noch der Sittlichkeitsverbrecher scheint dieser Tage im Ansehen der Bevölkerung niedriger zu rangieren als der Politiker. Verächtlich wird von Kindergarten, Dilettanten, Abzockern, Egoisten gesprochen. Die dramatische politsche Kernschmelze, die sich derzeit bei den Sozialisten von SF vor rollender Kamera mitverfolgen lässt, scheint einen weiteren Dammbruch der Politikerbeschimpfung mit sich geführt zu haben. 

Ich möchte hier eine Lanze für unsere Politiker brechen. Sie sind viel besser als ihr Ruf. 

Am Vorabend des SF-Dramas waren im Kopenhagener Sekretariat die meisten politischen Parteien bei unserem alljährlich durchgeführten, gemütlichen Abend, bei Speis und Trank, vertreten. Die anwesenden Politiker stehen sich in der täglichen  Debatte nicht wirklich nahe - das merkte man auch an den angeregten Gesprächen über DONG, EU, Zukunft SF etc. Doch eines war deutlich, man respektiert und schätzt sich. Man erkennt die Leistung des politischen "Gegners" an. Zurecht, denn das Politikerleben ist anstrengend und nervenaufreibend. 

Gewiss, nicht jeder Politiker ist eine Arbeitsbiene oder ein politischer Einstein. Daher schaffen es auch nicht alle an die vorderen Ränge. Es gibt Wasserträger und Minister. So ist das auch im "wahren" Leben. Doch im politischen Alltagsgeschäft ist eine Arbeitswoche von 50-60 Stunden keine Seltenheit. Abendtermine, Wahlkreisveranstaltungen, Ausschussarbeit, Plenardebatten, Medienarbeit etc. lassen wenig Zeit für Freunde und Familie. Politiker sein ist kein Beruf, sondern ein Lebensstil. 

Die meisten Kritiker, seien es Journalisten, selbsternannte Facebook-Kommentatoren oder Stammtischkritiker, würden nicht eine Woche in dem beinharten Politikergeschäft überleben. Hinter vorgehaltener Hand fragt sich so mancher Politiker, warum er sich das überhaupt antut. Die Erfolgreichen sind meist exzellent vernetzt und würden in der Privatwirtschaft bei geregelteren Arbeitszeiten viel mehr verdienen. Aber der politische Betrieb ist auch eine Droge, von der man sehr schwer wieder los kommt, wenn man erst ihren süßen Geschmack genossen hat - davon schildern zahlreiche Politikerbiographien. 

Das Politikgeschäft hat sich mit der Medienrevolution der letzten 10-15 Jahren fundamental gewandelt. Während einige noch schwärmerisch den Tagen hinterher trauern, als unsere Politiker noch im Snapstinget bei Bier und anderen Getränken sowie am besten mit den Skatkarten in der Hand, die Autobahnverbindungen und Brückentrassen Dänemarks verhandelt haben, ist die Wirklichkeit heute eine ganz andere. Die Medien wollen 24 Stunden lang bedient werden. Der Konsument (ja, Du) will am besten im Minutentakt informiert werden - sei es über die aktuellen Aktienkurse von Goldman Sachs oder der Farbe der neuen Handtasche der Staatsministerin. Keine Pause, immer mehr, immer dramatischere Neuigkeiten. 

Dänemark ist ein kleines Land. Die politische Elite kennt sich und die einzigartige Kombination von Politik und Medien (wo in der Welt ist die Presse so dicht an den Politikern dran - mit eigenen Büros im Parlament - wie in Dänemark?), hat eine durchaus kritisable Situation geschaffen. Politiker werden von Journalisten im Parlament bis in den Paternoster verfolgt, ja teilweise wie Freiwild gehetzt. In den sozialen Medien kommentieren die Bürger ihre Politiker mit einer so abgrundtiefen Verachtung, dass bei einem im ersten Moment ob des fehlenden Anstand das Fremdschämen einsetzt.  


Demokratie setzt aktive, politisch bewusste Bürger voraus, die sich nicht auf Politikerbeschimpfung beschränken. Gleichermaßen müssen die Medien Inhalte vor der dominierenden Skandalisierungslogik stellen. Ich weiss, es ist unklug den Wähler zu beschimpfen (bei den Medien ist das schon ungefährlicher). Aber die jüngste Krise in Dänemark und die hemmungslose Häme und Kritik der Medien sowie Bevölkerung rechtfertigt eine "Publikumsbeschimpfung". Benehmt euch, zeigt Respekt! Wir haben die Politiker / Politik, die wir verdienen - wir haben sie schließlich selbst gewählt, oder?

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