Minderheitensolidarität - auch aus Eigeninteresse


Der Artikel erschien erstmals in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger".

Im Mai findet im deutsch-dänischen Grenzland der größte Kongress der Minderheiten in Europa statt. Der FUEV-Kongress wird gemeinsam vom BDN und dem SSF sozusagen direkt an der Grenze, im Hotel des Nordens, veranstaltet. Seit nunmehr über 50 Jahren engagieren sich die Minderheiten im Grenzland auch europäisch. Neben der FUEV früher auch in der EBLUL und heute in der European Free Alliance.

Doch was soll denn das ganze internationale Engagement? Haben wir als Minderheit es nicht so gut, wie noch nie in unserer Geschichte? Brauchen wir Europa, wenn es uns doch hier im Norden so blendend geht? Wenn wir uns für die 22 deutschen Minderheiten in Europa einsetzen, gefährden wir dadurch nicht unsere eigene, hart erkämpfte komfortable politische und ökonomische Lage?

In der Tat: So gut wie derzeit ging es den Minderheiten im Grenzland noch nie. Derzeit ist unsere Hauptherausforderung nicht, wie wir uns gegen den Druck von außen erwehren, um als deutsche Minderheit an unserer deutschen Sprache und Kultur festhalten zu dürfen. Im Gegenteil. Derzeit ist eher die Frage virulent, wie bzw. ob wir als deutsche Minderheit weiterhin den Antrieb verspüren, an unserer Kultur und Sprache festzuhalten und uns nicht in die freiwillige "regionale Assimilation" begeben. Das sind im europäischen Vergleich "Luxusprobleme".

Doch auch wir in Nordschleswig sind - das ist eine Konstante der Minderheitenregelung im Grenzland - auf die Solidarität, das Wohlwollen und die Unterstützung anderer angewiesen. Ohne diese Solidarität der Mehrheit wäre unsere Lage eine ganz andere. Daher ist es meiner Meinung nach nur recht und billig auch auf europäischer Ebene - aus der komfortablen Position der gut geregelten Rahmenbedingungen heraus - uns selbst solidarisch zu zeigen mit den rund 300 Minderheiten in Europa, denen es in der überwiegenden Mehrzahl nicht so gut geht wie uns.

Und diese Solidarität ist auch dringend angebracht: Denn es ist derzeit mit Blick auf die europäische Lage 5 vor 12. Das lässt sich heute, 10 Jahre nach der EU-Erweiterung und 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, nüchtern und ohne Übertreibung feststellen.

Europa steht mitten in einem politischen Rechtsruck, unter dem vor allem die Minderheiten werden zu leiden haben. Die Situation der Roma ist bekanntlich völlig inakzeptabel und unseres Kontinentes unwürdig; ein tagtäglicher Skandal. Es rumort an vielen Ecken. Die Unabhängigkeitsreferenden in Schottland und Katalonien heizen die Stimmung an. Entsprechende Bewegungen in Südtirol, Flandern, auf dem Balkan, in Rumänien und anderenorts sind potentielle Destabiliserungsfaktoren. In Bosnien brennen die Barrikaden und die Bürger demonstrieren gegen ein gescheiterten multiethnischen Staat. Viele Minderheiten kämpfen gegen eine gezielte Assimilationspolitik ihrer Staaten an. Die Kette an schlechten Nachrichten ließe sich fortsetzen.

Leider scheinen die Staats- und Regierungschefs in Europa sowie die Institutionen der Europäischen Union nur bedingt die Augen für die bedenkliche Entwicklung zu öffnen. Es gilt leider das Motto, erst wenn es wieder brennt, wird man in Brüssel, Berlin, Paris - ja und Kopenhagen - der sicherheitspolitischen Bedeutung der Minderheiten für ein friedliches Europa bewusst.

Die Minderheiten Europas stehen im direkten Gegenwind, sind aber bereit für ihre Rechte und damit auch für Europa zu kämpfen. Mit einer europäischen Bürgerinitiative wollte man man 1 Million Unterschriften für die Vielfalt der Minderheiten in Europa sammeln. Doch von der Kommission und damit indirekt von den Staaten wurde die Initiative kalt abgeschmettert. Nun entscheidet der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, ob die Minderheiten zu Europa gehören. Der "Kampf gegen das System" - sprich die politische und juristische Auseinandersetzung - ist nur in Solidarität aller Minderheiten in Europa möglich, denn nur im Verbund sind die rund 100 Millionen Minderheitenangehörigen auf unserem Kontinent stark und haben genügend "Demonstrationsmacht".

Zu dieser Solidarität wollen und müssen wir in Nordschleswig auch gehören, allein schon aus Eigeninteresse. Denn wer weiss, vielleicht stehen wir irgendwann auch in der Situation und brauchen solidarische Unterstützung ... 

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