1864 - ein Krieg der Europas Weg mit zeichnete und Dänemarks Zukunft bestimmte


Der Grenzregion zwischen Deutschland und Dänemark geht es gut. Es gibt ein freundschaftliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Dänen. Die nationalen Gegensätze sind überwunden. Das „Grenzleben“ ist zur Normalität geworden. Dass in Flensburg am Bahnhof auch Flensborg steht (die dänische Bezeichnung), stört niemanden. Die Grenze ist nur noch Symbol und die Probleme sind gemeinsame. Es lebt sich gut in der deutsch-dänischen Region. Das gilt auch für die vier Minderheiten - der deutschen Minderheit in Nordschleswig, der dänischen Minderheit in Südschleswig, der Friesen und der Sinti. Diese habe sich als „Pioniere der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit“ verdient gemacht und arbeiten bestens integriert an der Entwicklung der Region mit. 

Vor 150 Jahren war die Situation eine ganz andere. Da blickte Europa gespannt auf die Region, die alles an Dramatik, Krieg und Großpolitik vorhielt, was die damalige Zeit zu bieten hatte. Die Weichen für die umkämpfte Geschichte Europas, mit den beiden Weltkriegen als blutige Höhepunkte, wurden 1864 entscheidend mit gestellt. Darüber hinaus entstand der moderne dänische Nationalstaat in der vernichtenden Niederlage gegen Preußen und Österreich. 

Ich werde mich vor einem historischen Schnell-Durchlauf hüten. Nur soviel: kein 1864-Artikel der etwas auf sich hält, kommt ohne folgendes Bonmot des Lordkanzler Palmerston aus, der (angeblich) auf die Frage von Königen Viktoria, was nun dieser ganze Ärger um Schleswig bedeute, geantwortet haben soll:


Die Schleswig-Frage sei so kompliziert, dass sie nur drei Menschen wirklich verstanden hätten. Der eine sei Prinz Albert, der sei jedoch mittlerweile gestorben. Der andere sei ein deutscher Professor, der über die Beschäftigung mit der Frage verrückt geworden sei. Die dritte Person sei er selbst - Lord Palmerston - er habe aber alles wieder vergessen. 

Es stimmt: Die Geschichte ist kompliziert aber auch nicht verzwickter als die Geschichte so vieler anderer Regionen Europas. Sie ist dabei außerordentlich spannend und bietet Einsicht in die Entstehung des modernen Europas. Für die deutschen Leser empfiehlt sich das Buch von Tom Buk-Swienty „Schlachtbank Düppel“. Für alle Fans dänischer TV-Serien gibt es gute Neuigkeiten, da die Macher hinter den TV-Erfolgen wie „Borgen“ eine 1864-TV-Serie produzieren, die sicher die Bildschirme Europas erobern wird. 

Trotz der selbstauferlegten Zurückhaltung, beim Versuch auf 60 Zeilen den historischen „Schleswigschen-Knoten“ zu erklären, sei dennoch ein kleines kontrafaktisches „was-wäre-wenn“-Gedankenexperiment erlaubt, das „beweisen“ soll, dass ohne den Krieg von 1864, Europa heute anders aussehen würde. Erinnern wir uns: 

Bismarck stand 1864 mit dem Rücken zur Wand. Seine Feinde waren mannigfaltig und sein Erfolg alles andere als gesichert. Der Krieg gegen ein „paranoides Dänemark“, das militärisch nur mit Unterstützung von England und Schweden eine Chance gehabt hätte (so wartete man auch bis zu letzt in Kopenhagen auf Rettung, die nie eintraf), kam dem deutschen Machttaktiker Bismarck gelegen. Der aus preußischer Sicht glorreiche Sieg von 1864 hat die Macht von Bismarck stabilisiert. Wäre dies nicht gelungen, dann hätte es die Schlacht von Koniggrätz 1866 und die Vormachtstellung Preußens in Deutschland wohl so nicht (bzw. so schnell) gegeben. Es wäre dann wohl nicht zum weiteren sog. Einigungskrieg gegen Frankreich 1871 gekommen. Danach folgte bekanntlich die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkrieges und der barbarische Zweite Weltkrieg. 

Ohne Düppel also kein Hitler? Das ist natürlich eine mehr oder wenig sinnlose Frage und ein abstraktes Gedankenspiel, das sich weder be- oder widerlegen lässt. Doch das Gedankenexperiment verdeutlicht die Signifikanz von 1864 für die weitere Entwicklung Europas. 


Düppels Bedeutung für Dänemark

Für Dänemark kann die Bedeutung von 1864 gar nicht überschätzt werden. Hierzu empfiehlt sich das vor kurzem erschienene Buch „Sønner af de Slagene. 1864“ von Rasmus Glenthøj, der sprachlich klar und eindrucksvoll sowie mit wunderbarer Bebilderung die Entstehung des modernen Nationalstaates zwischen dem Verlust von Norwegen und der vernichtenden Niederlage von 1864 nachzeichnet. 

Fakt ist, dass 1864 für Dänemark alles veränderte.  Die Herzogtümer Schleswig und Holstein sowie Lauenburg waren verloren. Tausende Soldaten waren gefallen oder durch Verwundungen für das Leben gezeichnet. Dänemark verlor 40% seines Territoriums, 200.000 Dänen fanden sich als Minderheit im deutschen Schleswig bis zur Königsau wieder. Dänemark war von einem multinationalen Gesamtstaat zu einem „Miniputstaat“ (Glenthøj) geschrumpft. Ein Trauma, das die weitere Geschichte und das Selbstverständnis Dänemarks bis heute prägt. Dänemark nach 1864 wird treffend mit dem damaligen Wahlspruch beschrieben: „Was nach außen verloren wurde, gilt es nun nach innen zu gewinnen“. Nur mit dem Wissen über 1864 lässt sich das moderne Dänemark, dessen Politik sowie Gesellschaftsstruktur verstehen. 

Die entscheidende Schlacht des Krieges von 1864 fand heute - am 18. April 1864 - vor 150 Jahren bei den Düppeler Schanzen statt. Dieser Schlacht wurde heute mit einem Festakt und Volksfest, unter anderem im Beisein der dänischen Königin gedacht. Es wird dabei zu Recht die neue Normalität zwischen Deutschen und Dänen gefeiert. Dies sollte jedoch immer mit dem nötigen Respekt und Nachdenklichkeit geschehen, denn die aktuelle Situation in der Ukraine / Krim erinnert uns, wie schnell aus Normalität wieder Gewalt und Hass wachsen kann. Auch dafür steht „Düppel“ als Mahnung, dass Grenzregionen und nationale Zugehörigkeit immer wieder zu Spielbällen der Großpolitik werden können. Darunter leidet, heute wie 1864, immer die „normale Bevölkerung“, die im deutsch-dänischen Grenzland beinah 150 Jahre benötigt  hat, um sich die „Normalität“ wieder zurückzuerobern. 

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