Dänemark und die neuen Namen: Yahya Hassan und Ahmed Akkari


Erstmals erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger"

Sie können unterschiedlicher kaum sein. Der eine, 35 Jahre alt, aus dem Libanon stammend, ist derzeit in den dänischen Medien omnipräsent, bis hin zum Überdruss. Der andere, 18 Jahre alt, in Aarhus geboren und mit palästinensischem Hintergrund aufgewachsen, ist die literarische Entdeckung des Jahres. Seit der Buchmesse in Leipzig und der beeindruckenden deutschen Übersetzung seines Werks, im Ullstein Verlag erschienen, ist er auch in Deutschland eingeschlagen, wie eine Bombe und von der Kritik gefeiert: Ahmed Akkari und Yahya Hassan

Ahmed Akkari begeht derzeit einen nimmer enden zu scheinenden Gang nach Canossa und entschuldigt sich bei allen, denen er sich entschuldigen kann. Ahmed Akkari war einer der Vertreter, die 2005, als Dänemark in heller Aufregung wegen der so genannten Mohammed-Krise stand, durch den Nahen Osten reiste und den Hass gegen die "Ungläubigen" in Dänemark schürte. Naser Khader und Anders Fogh Rasmussen haben ihm vergeben, die dänische Presselandschaft und die Bevölkerung scheinen auch bereit zu sein, ihm zu verzeihen. Wie heißt es doch so schön: lieber ein reuiger Sünder als 99 Gerechte. Ich habe das Buch von Akkari nicht gelesen aber grundsätzlich sollte man alle Entschuldigungen, die ernst gemeint sind, annehmen. Akkari scheint es ernst zu meinen. Er ist ein mutiger Mann, wird er doch den Rest seines Lebens in Angst verbringen müssen, dass seine Verbündete von damals den begangenen "Verrat" werden rächen wollen. 

Yahya Hassan dahingegen hat das Potential zu einem politischen Dichter (wider Willen) zu werden, der weit über das dänische Königreich hinausreichen könnte. Er bietet einen Einblick in eine trostlose, gewalttätige Kindheit, die man sich gar nicht ausmalen kann oder mag. Ein Kind, das mit alltäglicher Gewalt und Lieblosigkeit, ohne Zukunftschancen aufwächst und die ganze Härte der "Nicht-Integration" durchlebt. Es kostet einige Selbstüberwindung seine "Seelenkotzerei" zu lesen. Er ist schonungslos, hautlos ehrlich, keine hidden agenda, wütend - aber er kann es mit nur einem Gedicht soviel besser selbst beschreiben:

VOR DER TÜR /
ICH SASS IN DER GARDEROBE MIT EINEM ZIMTSTERN /
IN DER HAND /
UND LERNTE IN ALLER STILLE DIE SCHUHE ZU /
BINDEN /
ORANGEN MIT NELKEN UND ROTE BÄNDER /
HINGEN VON DER DECKE WIE DURCHLÖCHERTE /
VOODOOPUPPEN /
SO ERINNERE ICH MICH AN DEN KINDERGARTEN / 
DIE ANDEREN FREUTEN SICH SCHON AUF DEN /
WEIHNACHTSMANN /
ABER ICH HATTE SO GROSSE ANGST VOR IHM / 
WIE VOR MEINEM VATER /

Doch was haben diese beiden Männer gemeinsam? So banal es klingen mag - sie haben ihre fremdklingenden Namen gemeinsam; Namen die im übertragenem Sinne zur Normalität werden. Hassan und Akkiri gehören zu Dänemark dazu. Sie prägen den Diskurs und sind präsent. 

Bei der ganzen "Børncheck-", Wohlfahrtstourismus- und Überfremdungs- sowie das Boot-ist-voll-Rhetorik wird nämlich geflissentlich vergessen, dass Dänemark schon lange ein vielfältiges Land ist. Akkiri und Hassan gehören dazu. Sie prägen einen öffentlichen Diskurs und das ist zu begrüßen. Wenn wir eine geglückte Integration wollen (und es wird kein Weg daran vorbei führen - schon eingedenk der Tatsache, dass wir in einigen Jahren händeringend nach Arbeitskraft im Ausland werden Ausschau halten müssen) sollten wir uns immer wieder vor Augen führen: Dänemark hat sich verändert, verändert sich und wird sich weiter verändern. Kein Weg führt zurück in die Morten Korch-Romantik (wer auch immer das wünscht). Dänemark ist ein moderner, offener Staat und dabei sind Hassan und Akkiri so wichtig. Wir müssen uns nicht nur an anders klingende Namen gewöhnen, wenn es um Literatur und den gesellschaftlichen Diskurs geht. Dänemark verändert sich, die Namen ändern sich, die Themen ändern sich und das ist gut so - das ist Integration.

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