Mutwillige Täuschung und Wutbürgertum

Der Artikel ist erstmalig erschienen in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in der Nordschleswiger.

Es ist zum Haare raufen. Ich finde den leicht entflammbaren Zorn der so genannten "Wutbürger", die mit viel Geschrei gegen allmögliche Dinge ankämpfen und protestieren, zwar zumeist eher etwas „ziellos“ und sogar teilweise peinlich. Doch manchmal packet es mich selbst, und ich würde am liebsten auf die Straße rennen und laut schreien, bis der Wasserwerfer kommt. Nach dem Motto: „Wollen die uns für dumm verkaufen? Das ist doch institutionalisierter Betrug. Dagegen müssen wir uns zu wehr setzen.“

Nein, es ist nicht die Krim-Krise oder eine andere traurige Weltangelegenheit, die meinen Blutdruck in der vergangenen Woche in die Höhe hat schnellen lassen. Es waren die IC4-Züge, die nun unter anderem in Tingleff am Bahnhof wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag werden vor sich hin gammeln dürfen. Bekanntlich haben alle Parteien in Kopenhagen mehr oder weniger akzeptiert, dass die Millionen teuere Investition für den Schnellzugverkehr in Dänemark gescheitert ist und die Züge nie wie geplant den DSB-Fuhrpark erneuern werden. In die gleiche Kategorie fällt die Meldung, dass der Metro-Bau in Kopenhagen nun wohl zwei Milliarden teurer ausfallen wird, als veranschlagt.

Nicht weniger ärgert mich der Gigantismus unserer Politiker, der Planer und sog. Visionäre, die allesamt leicht mitleidig und verärgert reagieren, wenn kritische Frage nach dem Sinn und der Preiskalkulation der nächsten tollen Tunnel-Projekte, Brücken-Vorhaben oder Flughafen-Visionen laut werden. Dann gilt man als provinziell, hat keine Visionen und solle sich doch bitte mit seinen wachstumsfeindlichen Äußerungen zurückhalten.

Fakt ist jedoch, dass beinah alle großen Bauvorhaben mittlerweile mit schlafwandlerischer Sicherheit um dramatische Prozentzahlen teuerer ausfallen, als ursprünglich „geplant“. Oder wie im Fall von den DSB-Zügen werden Millionen aus dem Fenster geworfen. Neue Züge werden bestellt und so komplizierte Verträge formuliert, dass sogar Anwalts-Koryphäen dicht am Nervenzusammenbruch stehen, wenn sie heute die „Schuldfrage“ des fahl nach Korruption riechenden Desasters analysieren. Doch wer bitte trägt dafür die Verantwortung? Wer die Kosten zahlt ist natürlich schnell festgelegt, das tun wir nämlich allesamt mit unseren Steuergeldern.

Ohne jemanden persönlich ausmachen zu können, kommt mir der Verdacht, dass es sich bei den immer öfter vorkommenden Verteuerungen um einen „systemimmanenten Betrug“ handelt. Also, dass ein jeder, der sich ernsthaft und fachkundig mit der Planung auseinander setzt, mehr oder weniger weiss bzw. zumindest ahnt, dass die kalkulierten Kosten nie und nimmer ausreichen werden. Doch wären die tatsächlichen Kosten bereits in der Entscheidungsfindung bekannt gewesen, dann hätte jeder Mensch mit etwas Verstand sich die Frage gestellt, ob sich diese auch rechnen. Ist man aber erstmal gut angefangen, kann man den Flughafen in Berlin oder eine Elbphilharmonie in Hamburg ja nicht wieder abreisen oder Züge einfach am Bahnhof verrosten lassen (ok - das geht …).

Keine Frage, Infrastruktur ist das A und O einer nachhaltigen Entwicklung. Auch Visionen und tolle Projekte müssen möglich sein. Wir leben immerhin in einer Wohlstandsgesellschaft, die die Weltgeschichte so noch nie gesehen hat.

Aber bitte mit offenen Karten spielen. Die Kosten müssen auf den Tisch und man muss sich auch Fragen dürfen, ob die hunderte von Millionen für einen Tunnel oder einen Flughafen nicht besser für andere Infrastrukturmaßnahmen genutzt werden könnten.

Doch leider wird nicht mit offenen Karten gespielt. Es wird vielmehr getrixt, ja sogar bewusst gelogen. Denn keiner ist wohl so naiv zu glauben, dass diese gigantischen Verteuerungen völlig überraschend kommen. Doch irgendwann wird das Maß voll sein und dann werden vielleicht noch mehr Wutbürger sich zu Wort melden und statt Prestigebauten sinnvolle Infrastrukturinvestitionen im Mittelpunkt stehen. 

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