Offene Rechnungen: Ex-Außenminister gegen Ex-Regierungschef oder die Frage der Geschichtsschreibung


Es sind acht Jahre vergangenen, doch die Auswirkungen sind noch heute spürbar; nicht mehr so direkt aber dennoch unterschwellig präsent. Gemeint ist die so genannte Mohammed-Krise, die Dänemark 2005 schlagartig in das Zentrum der Weltöffentlichkeit katapultieren sollte. Menschen, die bislang dachten, Dänemark sei eine Provinz von Schweden, verbrannten unter viel Geschrei plötzlich den Dannebrog in den Straßen des Nahen Osten. Botschaften wurden angegriffen und Terrorwarnungen versetzten das gesamte Land in gespannte Bereitschaft. Die größte außenpolitischen Krise Dänemarks seit der Besatzung des Landes im Zweiten Weltkrieg.

Die Zeitgeschichtler haben diese Periode in den Blick genommen und ein Dokumentarfilm, der kürzlich im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hat eine politische Schlammschlacht zwischen zwei der damals massgeblichen Akteure eröffnet. Im Mittelpunkt ein ehemaliger Außenminister und ein aktiver NATO-Generalsekretär. Kernaussage des damaligen Außenministers Per Stig Møller: hätte man im Herbst 2005 ein Gesprächsangebot der 12 Botschafter der maßgeblichen muslimischen Länder angenommen, dann wäre die Krise vielleicht verhindert worden bzw. weniger dramatisch ausgefallen. Bekanntlich lehnte Anders Fogh Rasmussen es ab, die Botschafter zu treffen. Es wurde daraufhin von den geschmähten Diplomaten nach Hause „gekabelt“, dass die dänische Regierung die Karikaturen des Propheten Mohammed wenn nicht in Auftrag gegeben so doch sanktioniert hätte. Der dänische Regierungschef Fogh Rasmussen seinerseits machte die Zeichnungen zu einer Frage der „Meinungsfreiheit“. Der Außenminister sah sich politisch an den Rand gedrängt. Stig Møller sieht das Vorgehen seines damaligen Chefs heute als großen Fehler und meint, er hätte als Außenminister das Gespräch mit den Botschaftern führen und Schlimmeres verhindern können.

Die Sache an sich ist dramatisch, doch dahinter verbirgt sich auch tief sitzender Groll: der dänische Außenminister Per Stig und Anders Fogh werden wohl keine Freunde mehr. Die Verletzungen sitzen tief. Wer den Dokumentarfilm „Alles Banditen“ gesehen hat, der die EU-Erweiterungsgespräche 2003 in Kopenhagen begleitet, wird das verstehen können. Ein „stahlharter“ Fogh Rasmussen tritt dort auf, wie er seinen Außenminister Stig Møller vor laufender Kamera, wie einen Schuljungen abkanzelt – eine ultimative Demütigung vor rollender Kamera. 

Was wäre wenn,  kontrafaktische Geschichte, ist immer ein eher schöngeistiges Unterfangen, da es bekanntlich keine Auswirkungen auf die damals geltende politische Realität haben kann. Für die Zeitgeschichtler sind dies dennoch interessante Fragen: Hätte ein Gespräch mit den zwölf Botschaftern das Bild geändert? Hat sich Fogh Rasmussen mit seiner harten Haltung die Amerikaner „gesichert“, die ihn dann einige Jahre später zum NATO-Generalsekretär machen sollten ? Hätte Stig Møller durchgreifen müssen, gar im Protest zurücktreten?

Fakt ist, dass die Mohammed-Zeichnungen sich bis heute in der gesellschaftspolitischen Debatte festgebissen und das Selbstverständnis der Dänen im Mark getroffen haben. Mit großen Augen beobachteten die dänischen TV-Zuschauer die brennenden Dannebrog-Flaggen in Bagdad, Damaskus und Beirut. Wie konnte das gesehen, dass sich das – im Selbstverständnis - nettest Volk der Welt plötzlich so im Zentrum des Hasses von Abermillionen Menschen wiederfindet.

Es werden noch viele Diskussionen über die Rolle Dänemarks und ihres leitenden Personals zu führen sein und das geschichtliche Bild wird sicher auch immer etwas von der politischen Verortung des Betrachters abhängig sein. Den ersten Punkt in diesem „Geschichtsschreibungsspiel“  hat Fogh Rasmussen gewonnen. Er hat  sehr souverän auf die Äußerungen von Stig Møller reagiert, nämlich gar nicht.  Er hat Freunde, Alliierte und Bewunderer genug, die ihm beispringen. Der Ex-Außenminister dahingegen wirkt wie ein gekränkter Politiker, der damals seinem Chef nicht hat Paroli bieten können oder wollen. 

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