Der Blick von außen - Kongress im Grenzland



Nach einem anstrengenden aber gelungenen FUEV-Kongress, der in den vergangenen Tagen im deutsch-dänischen Grenzland rund 200 Gäste aus 30 Ländern zusammengebracht hat, muss man sich erst einmal wieder an die Normalität gewöhnen und die Kongressmüdigkeit abschütteln. Es prasseln nämlich unzählige Eindrücke auf einen ein, fast 24 Stunden am Tag ist man mit Menschen zusammen, ein Kongress ist sehr intensiv.

Es wurde in Flensburg und Sonderburg viel diskutiert. Es gab äußerst kontroverse Debatten über die Ukraine, die Krim, die Zukunft der Minderheiten in der Europäischen Union. Viele Gedanken gingen dabei an unsere Mitglieder auf der Krim - dem Nationalrat der Krimtataren - der vor der Zwangsauflösung durch die neuen russischen Machthaber steht. Es waren zum Teil bedrückende Reden, denen wir lauschen mussten. Immer wieder geisterte die Formulierung: "Das ist doch wie in den 90er Jahren auf dem Balkan", durch die Räume. 

Beeindruckend war der emotionale Beitrag der Flensburger Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar, die aus der Nachbarstadt von Odessa stammt, in der zwei Tage vor unserem Kongress zahlreiche Tote bei Straßenschlachten zu beklagen waren. Wer zum FUEV-Kongress gefahren war, um eindeutige Antworten zu erhalten, der musste sich enttäuscht sehen. Denn in der aktuellen Krise gibt es keine einfachen Antworten. Nur die Tatsache, dass die Minderheiten immer mit die ersten sind, die bei solchen geopolitischen Auseinandersetzungen zu leiden haben. Es sind nicht "die Russen" oder gar "die Faschisten in Kiew" oder "die Amerikaner" oder "die EU" die Schuld an dem Konflikt tragen. Es ist eine verworrene Geschichte, mit vielen Schuldigen, Scharfmachern und Krisen-Profiteuren und sehr vielen Opfern. 

Neben allem Ernst der Lage wurde im Grenzland auch gefeiert. Das 65-jährige Jubiläum der FUEV war mit einem Galaabend, an dem unter anderem Danfoss-Chef Jørgen Mads Clausen und Frau teilnahmen - ein sehr schöner Rahmen. Die Minderheiten in Europa trennt viele Dinge - von Religion, über Sprache, Geschichte und der kulturelle Hintergrund. Aber uns verbindet dabei mehr als uns trennt, ob nun türkische Muslime aus Griechenland, Schweden aus Finnland oder die deutschen Nordschleswiger. Alle haben wir die Grunderfahrung gemeinsam, einer Minderheit anzugehören, uns für die eigene Sprache und Kultur auch gegen Widrigkeiten einsetzen und uns in einer immer komplexeren Welt zurecht finden zu müssen. 

Als deutscher Nordschleswiger hat mich besonders gefreut, wie gut die deutsche und dänische Minderheit zusammen gewirkt und sich als vorzügliche Gastgeber präsentiert haben. Die Mitarbeiter des SSF (Sydslesvigsk Forening) und des Bund Deutscher Nordschleswiger haben gemeinsam mit dem FUEV-Team gut harmoniert. Es ist unser Eindruck, dass sich die Gäste wohl gefühlt haben. Auch politisch spielen sich die vier autochthonen Minderheiten - Friesen, Sinti, Dänen und Deutsche - mittlerweile gekonnt die Bälle zu.

Wir haben sehr viel in der deutsch-dänischen Region erreicht. Das wurde auch von Ministerpräsident Torsten Albig und dem Regionsvorsitzenden Carl Holst während unseres Symposiums zum Europatag unterstrichen. Dabei hat Carl Holst natürlich nicht unrecht, wenn er die Minderheiten mahnt, sich zu überlegen, wie sie sich in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Zukunft einbringen wollen, um nicht in der Geschichte festzuhängen. Diesen dezenten Hinweis kann man auch freundlich kontern und auffordern, den Blick von außen zu wagen. Denn wenn man sich die Beiträge der Minister aus Südtirol und Belgien zur grenzüberschreitenden europäischen Zusammenarbeit in Erinnerung ruft, dann wird auch deutlich, dass es in der Zusammenarbeit zwischen Kiel und Vejle noch sehr viel "Luft nach oben" gibt. 

Die Minderheiten können und werden sich gemeinsam noch aktiver in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit einbringen und die eigene Kernkompetenz - nämlich die, eine Minderheit zu sein - einbringen. Das Vorhaben der dänischen und deutschen Minderheit gemeinsam mit der FUEV ein "Haus der Minderheiten" zu etablieren und sich als das Kompetenzzentrum für die 100 Millionen Menschen in Europa, die einer Minderheit angehören, zu positionieren, wird die nächste spannende Herausforderung. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen