Der feine Unterschied: Integration versus Assimilierung

Erstmals erschienen im Karpartenblatt - der Monatsschrift der deutschen Minderheit in der Slowakei

„Warum könnt ihr euch nicht endlich assimilieren? Was soll denn das noch? Ihr sprecht doch alle Dänisch? Das ganze Minderheitengehabe ist doch alleine Schnee von gestern.“ Wer einer  der vielen Minderheiten in Europa angehört – so wie ich der deutschen Minderheit in Dänemark – ist mit diesen Fragen gut vertraut. Diese werden zwar  selten offen gestellt, sind aber unterschwellig bei vielen Menschen präsent. 

In zahlreichen Minderheitenregionen hat sich der nationale Gegensatz von einem steilen gegeneinander zu einem friedlichen Nebeneinander oder gar Miteinander entwickelt. Das ist bestimmt nicht überall in Europa so, doch in vielen ehemals national zerstrittenen Regionen Europas, ist eine wohltuende Normalität entstanden. Das ist gut so! 

Diese neue Normalität ist – so paradox dies vielleicht im ersten Moment klingen mag – nicht immer einfach zu handhaben. Es ist kein Geheimnis, dass ein „Freund-Feind-Denken“ und eine kulturelle Wagenburgmentalität - sprich eine Abgrenzung in Form von „die und wir“ - es einfacher macht, eine (Minderheiten)-Gemeinschaft zusammenzuhalten. Dafür gibt es zahlreiche Belege, in verschiedensten Minderheitenregionen Europas. Wo der Druck von außen groß ist, da steigt der innere Zusammenhalt. Wenn dieser Druck nicht mehr da ist, kann ein Prozess der schleichenden, freiwilligen Assimilierung folgen. Es ist vermeintlich einfacher bei der Mehrheit „anzudocken“ und sich nicht immer wegen seiner Minderheiten-Identität erklären zu müssen. 

Mich überkommt manchmal das flaue Gefühl, dass es einigen Vertretern der Mehrheiten am liebsten wäre, wenn dieser „schleichende Assimilierungsprozess“ das „Problem“ der über 300 Minderheiten in Europa von selbst erledigen würde. Aber Minderheiten sind bekanntlich nicht selten sture, eigenwillige, komplexe Gebilde und trotzen gerne mal den Vorhersagen. Als meine Minderheit in Dänemark 1920 durch eine Grenzziehung entstand, wurde uns prophezeit, wir würden „wie Tau an der Sonne verdampfen“. Nun ja, wir sind immer noch da – aber kennen das Problem der schleichenden Assimilierung gut. Der Sprachkompetenzverlust, die Frage der Unterscheidung zur Mehrheit und die allgemeine Frage nach der Verortung einer  kleinen Gruppen in einer immer komplex-globaleren Welt, sind für uns existentielle Fragen.   

Es gibt auch noch Regionen in Europa, in denen die Assimilierung keine schleichende ist, sondern eine offene Assimilierungspolitik oder gar eine Zwangsassimilierung stattfindet. In diesen Fällen ist die Antwort eindeutig: es muss die geballte Minderheitensolidarität in Europa greifen und die potentielle Demonstrationsmacht der über 100 Millionen Menschen, die in Europa einer solchen Minderheit angehören – jeder 7. Bürger – muss mobilisiert werden. 

Leider kreist in der Minderheitendebatte häufig vieles um den Begriff der Assimilierung, was bekanntlich einem völligen Aufgehen der Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft gleichkommt. Man möchte, dass wir so werden, so sprechen, so handeln, so fühlen wie die Mehrheit. Das ist selbstredend für uns als Minderheitenvertreter nicht akzeptabel – dort verläuft die nicht zu überschreitende rote Linie. 

Was wir anbieten können und müssen als Minderheitenvertreter ist eine Integration in die uns umgebende Gesellschaft. Wir müssen die Sprache der Mehrheit kennen, dem Staat gegenüber loyal uns verhalten und die Institutionen respektieren. Das setzt natürlich voraus, dass diese Loyalität und der Respekt keine Einbahnstraße ist sondern für die Minderheiten ebenfalls Gültigkeit haben muss. 

Wir müssen uns als Minderheitenangehörige in die Gesellschaft integrieren; wir wollen aber weder assimiliert, noch mit einem Modewort ausgedrückt „inkludiert“ werden. Wir möchten das Recht als Bürger haben unsere Sprache zu sprechen, unsere Kultur zu bewahren und daran festhalten „anders“ zu sein, als die Mehrheit des Landes. 

Ja, ich gehe soweit zu sagen, dass der Staat eine Verpflichtung hat dieses Anderseins zu schützen und zu fördern. Das ist eine Verpflichtung, dann wird auch die friedliche Integration gelingen und eine schleichende Assimilierung verhindert werden können. 

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