Kleider machen Leute


Der Artikel ist erstmalig erschienen in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger".

Viel schlimmer hätte der 50. Geburtstag von Lars Løkke Rasmussen nicht verlaufen können. Nein, damit ist nicht die mondäne Geburtstagsfeier in Valby, am Stadtrand von Kopenhagen gemeint, die unter anderem mit einer wohltuenden Rede von Pia Kjœrsgaard (DF) sicher Balsam für die Seele von Lars Løkke Rasmussen gewesen ist. In Valby war man unter Freunden. Stress bereitet dem Venstre-Vorsitzenden vielmehr die Presse und der neueste "Quittungen-Skandal", der trotz allem demonstrativen Lächelns die Feierlichkeiten zum Geburtstag überschattet hat. Die Fakten sind bekannt (es sei denn es gelangen noch weitere zu Tage). Der damalige Regierungschef Lars Løkke Rasmussen hat sich für 150.000 Kronen (20.000 Euro) von einen Herrenausstatter im wahrsten Sinne des Wortes ausstatten lassen. Man müsse als Regierungschef natürlich respektabel aussehen, war die erste Antwort der Venstre-Partei auf die Frage, warum man die Zahlung der Garderobe übernommen habe. Als auf den Quittungen auch Unterwäsche ersichtlich wurde, hat das für einigen Spott und Häme gesorgt. Für Kopfschütteln, sogar bei erklärten Løkke-Freunden, sorgte die Mitteilung, dass die Partei auch die Kosten der Mallorca-Reise des Sohnes und der Frau von Løkke nach einem anstrengenden Wahlkampf übernommen hat. 

Ruchbar gewordene Fauxpas oder gar Peinlichkeiten sind für Politiker nie Privat - sie sind Teil der Medienöffentlichkeit. Wer in der ersten Reihe der Politik überleben will, der darf nicht besonders zart besaitet sein. Lars Løkke ist ein "politisches Tier" der Extraklasse und gilt zu Recht als eines der ganz großen Talente seiner Generation; aber er ist dabei seine politische Karriere für Kleidung und Reisen, bezahlt aus der Parteikasse, aufs Spiel zu setzen. 

Die Alarmglocken bei Venstre schrillen unüberhörbar. "Fogh wäre das nie passiert, wir fordern volle Aufklärung" - lautet es von den Venstre - Hinterbänklern und politischen Feinden Lars Løkke Rasmussens. Noch haben sich keine "schweren Venstre-Jungs" in den Chor der Kritiker eingeklinkt. Aber man darf vermuten, dass Lars Løkke Rasmussen nicht nur Freunde in der ersten und zweiten Reihe der Partei hat.

Pikantes Detail der Affäre ist es, dass noch nicht geklärt ist, wer die Quittungen aus der Venstre-Parteizentrale kopiert und der Presse zugespielt hat. Ein enttäuschter Mitarbeiter oder gar doch ein politisches Komplott? Wird in den Kulissen von Venstre gar der Königsmord vorbereitet? Will man einen politischen Erben vor der 2015 bevorstehenden Wahl "installieren", ist jetzt der letzte realistische Zeitpunkt. Nach der Sommerpause ist es zu spät. Der Horror der Spindoktoren und Strategen von Venstre ist eine Lars Løkke-Quittungen-never-ending-story, die sich durch die quälend lange nachrichtenlose Zeit der Sommerpause zieht. Böse Zungen behaupten gar, die besten Quittungen warten noch im Giftschrank. Eine weitere Quittung könnte das Fass aber zum überlaufen bringen und Lars Løkke sehr schnell aufs politische Altenteil spülen.

Und was macht die Opposition, was macht Helle Thorning Schmidt? Für die Regierungschefin muss es eine Genugtuung sein, zu beobachten, was derzeit geschieht. Sie ist nämlich selbst ein gebranntes Kind. Wer erinnert sich an die peinliche Steuer-Affäre ihres Mannes, die mitten im Wahlkampf zum Drama wurde. Venstre kannte damals keine Gnade. Nicht zuletzt der Venstre-Mann aus Nordschleswig Peter Christensen war als "Kampfhund" von Lars Løkke von der Leine gelassen worden, um die Glaubwürdigkeit von Helle Thorning zu diskreditieren. Sie hat den Mediensturm und die Angriffe überlebt. Doch es ist kein Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen ihr und der Venstre-Führung seit diesen Steuer-Tagen angespannt ist. 

Selbst haben die Sozialdemokraten in der "Lars-Løkke-Quittung-gate" eine andere Taktik eingeschlagen. Alle sozialdemokratischen Kampfhunde, die sich vor allem auf Facebook und Twitter tummeln, haben anscheinend den Parteibefehl erhalten, sich nicht schadenfroh auf Løkke zu stürzen. Die Medien sollen das erledigen. Thorning Schmidt hat entschieden nicht auf den am Boden liegenden Venstre-Vorsitzenden einzutreten - nicht aus Nächstenliebe (die ist in der Politik so gut wie unbekannt) sondern aus Kalkül. Man wartet erst einmal ab, wie Venstre und die Öffentlichkeit reagieren. Es wartet ja noch eine laaange Sommerpause.

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