Venstre-Land brennt Lichterloh


Dieser Artikel ist im "Der Nordschleswiger" als Kolumne - Bericht aus Kopenhagen - erschienen. 

Als  ich heute morgen - am Montag - den Kaffee gekocht, den Computer angeschaltet und mein morgendliches Ritual des „Politiker-checks“ auf Facebook begonnen hatte, da wäre mir die Tasse doch beinah aus der Hand geglitten. Ellen Trane Nørby klebt Wahlplakate, wie auf einem Foto auf ihrer Facebook-Seite deutlich zu erkennen ist. Was? Das kann doch nicht sein? Die Wahl wurde über Nacht ausgeschrieben? Nein, ganz so dramatisch sollte die Woche dann doch nicht beginnen. Ellen Trane erklärt, man habe sich vielmehr bereits vor Monaten zum Plakate kleben verabredet. Das Timing dabei ist jedoch sehr beachtlich.

Denn noch ist alles offen (zumindest während diese Zeilen geschrieben werden): Wird Lars Løkke Rasmussen erneut den Sturm abreiten können, der um seine Person und der Frage entbrannt ist, ober er das (moralische) Zeug hat Dänemark zu führen? Oder wird er am Dienstagabend, wenn der erweiterte Parteivorstand tagt, zur politisch tragischen Figur?

Die sozialen Medien sind eine hervorragende Quelle, um sich über die hochdramatische Lage im bürgerlichen Venstre-Lager zu informieren. Peter Christensen aus Nordschleswig sah sich demnach am Wochenende genötigt, aus dem Sommerhaus ein Bulletin an die Journalisten zu richten. Er sei nicht aus politischen Gründen so still, sondern weil er gerade sein Sommerhaus male.

Doch mein absoluter Favorit auf Facebook war am Wochenende der Hauptakteuer selbst, auf den alle Scheinwerfer des unbarmherzigen Medienlichts gerichtet sind: Lars Løkke Rasmussen. Der zeigte eine lyrische Seite und zitiert das Gedicht „If“ von Rudyard Kipling (auf Norwegisch, da es keine dänische Übersetzung gibt): Übrigens ein schönes Gedicht  -„Warum“ auf deutsch genannt - und hier sei die letzte Strophe, die durchaus tief blicken lässt, zitiert:

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;
füllst jede unerbittliche Minute
mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

Nordschleswig ist eine Bastion des Vorsitzenden. Carl Holst kommt aus dem Telefonieren nicht heraus. Er ist der „Jylland-Mann“ und soll alle Løkke-Kritiker des erweiterten Parteivorstandes zur Räson mahnen. Diese melden sich immer selbstbewusster zu Wort, nachdem sich der Venstre-Abgeordnete aus dem Europäischen Parlament, Jens Rohde, mit sehr deutlichen Worten gegen den Vorsitzenden gemeldet hat. Was übrigens ein „tak for sidst“ (Retourkutsche) sein wird, dafür, dass Lars Løkke ihn öffentlich gedemütigt hat, als er ihn nach einem nicht abgestimmten pro-EU-Artikel als  Spitzenkandidat mit dem Federstrich des Vorsitzenden entmachtete. Rache wird in der Politik bekanntlich eiskalt genossen.

Hans Christian Schmidt aus Woyens ist auch hinter den Kulissen derzeit äußerst umtriebig. Er hat vor einigen Monaten auf Christiansborg mit der Gründung des „Klub 19“, der sich aus Abgeordneten älteren Semesters aus der „zweiten Reihe“ zusammensetzt, für viel Aufregung und ein parteiinternes „Comeback“ gesorgt. Fraktionsbildungen innerhalb der eigenen Fraktion sind bekanntlich eine sozialdemokratische Spezialität und in der Venstre-Fraktion eher unüblich. Um einen drohenden internen Streit beizulegen, wurde H.C. Schmidt zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt, um „die alten Herren“ bei der Stange zu halten. Nun ist ihm eine wichtige Rolle zugekommen, er soll potentiell kritische Fraktionsmitglieder an die Kandare nehmen, denn auch in der sonst Løkke-loyalen Fraktion fängt es an zu brodeln – und nicht nur bei Birte Rønn Hornbech.

Summa summarum: Inhalte werden bei Venstre in den nächsten Tagen nicht diskutiert. Es geht um Macht, um die Zukunft des Parteivorsitzenden – aber auch um die (mittelfristige) Zukunft der vielen jungen Politiker, die ihre Karriere bei Lars Løkke deponiert haben und nun ihre Fälle davonschwimmen sehen. In der Politiker-Welt gesprochen: Es geht um alles!

Als ich am Wochenende zufällig einen Abgeordneten des „roten Lagers“ traf und ihn freundlich fragte, wie es ihm denn ginge, meinte er: „Es ist wie Weihnachten, das sich täglich wiederholt. Wir hoffen alle innständig, dass uns Lars Løkke Rasmussen noch lange erhalten bleibt.“

So schnell kann sich die Welt – die politische – ändern. Grinsende Sozialdemokraten und niedergeschlagene Venstre-Leute; wer hätte das vor ein paar Wochen vermutet.

To be continued ...

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