Abschluss eines dramatischen Politikjahres


                                Dieser Artikel ist erstmalig in der Tageszeitung der Nordschleswiger erschienen.

Das Folketing und die 179 Abgeordnete sowie die Regierung begeben sich, wie der Rest des Landes, in den Sommermodus. Nicht, dass die Politiker alle abtauchen und von der medialen Bildfläche verschwinden würden. In Zeiten der digitalen politischen Totalüberwachung und der Nachrichtenschwemme gibt es mittlerweile keinen Monat des Jahres, der völlig politikfrei verbleiben würde. Doch es wird ruhiger: Bei Politikjournalisten und den chronischen News-Abhängigen ist diese Zeit auch als das “Sommerloch“ oder die Saure-Gurken-Zeit bekannt und gefürchtet. Es gibt nichts wirklich Substantielles zu berichten, und jede kleine politische Nachricht läuft Gefahr, zu einem medialen Spektakel inszeniert zu werden. Man ist kein Hellseher, wenn man vermutet, dass vor allem bei der Partei Venstre und bei Lars Løkke Rasmussen inständig gehofft wird, dass Ekstra Bladet keine weiteren Quittungen im Giftschrank hat. Denn nichts fürchtet der Politiker im Rampenlicht mehr, als in die Mühlen der journalistischen Sommerlochkampagnen zu geraten.

Es ist schon bemerkenswert, was in den vergangenen zwölf Monaten, seit der letzten Sommerpause, alles im Königreich geschehen ist; vieles hätten die Macher der TV-Serie „Borgen“ wahrscheinlich in ihren Drehbüchern gar nicht aufgenommen, da viel zu wirklichkeitsfern und überdramatisiert wirkend. Beispiele gefällig: Die Sozialistische Volkspartei ist an einem dramatischen Wählerrückgang und kannibalistischen parteiinternen Auseinandersetzungen beinah zerbrochen und hat den ehemals als politischen Rockstar verehrten Villy Søvndahl eiskalt beiseite geschoben. Letztendlich ist man mit viel Drama und Dilettantismus aus der Regierung ausgetreten. Auch der führenden Regierungspartei – den Sozialdemokraten – ist es nur wenig besser ergangen und man befand sich bis vor kurzen in einer nicht enden wollenden Abwärtsspirale. Die Regierungschefin und Parteivorsitzende Helle Thorning-Schmidt stand unter Dauerfeuer – nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus eigenen Reihen. Der Höhepunkt war ein „geheimer Sozialdemokrat“ der anonymen aus dem gebeutelten sozialdemokratischen Innenleben und hier vor allem aus der Fraktion berichtete.

Doch dann wurde alles ganz anders: Helle Thorning-Schmidt war plötzlich in ganz Europa gefragt. Präsidentin des Europäischen Rates soll sie werden. Bislang bestreitet die Sozialdemokratin jegliche Ambitionen auf einen neuen Posten. Ihre Aussichten in Dänemark an den Schalthebeln der Macht zu verbleiben, sind in den vergangenen Monaten auch erheblich gestiegen. Den Hintergrund für dieses Comeback hat sie vor allem Lars Løkke Rasmussen und seinen Skandalen zu verdanken.

In Dänemark werden derzeit die politischen Kommentatoren scharf kritisiert, lächerlich gemacht und von einigen Politikern frontal angegriffen. Mit ihren Analysen stochern sie nur im politischen Nebel. Ohne wirkliche Faktengrundlage mutmaßen sie über Entwicklung, von denen sie gar nichts wissen können und als Nebenfolge ihres journalistischen Rätselratens beeinflussen sie die politische Wirklichkeit, wofür sie gar kein demokratisches legitimiertes Mandat haben, so die harsche Kritik. Eine Kritik, die sicher nicht ganz falsch ist. Aber der aufgeklärte Zeitungsleser weiß natürlich, dass es immer noch seine eigene Aufgabe verbleibt, sich eine persönliche Meinung zu bilden. Der Kommentator kann nur Anregungen geben. Nun zu meiner Anregung / Kaffeesatzleserei:
Am ersten Dienstag im Oktober, wenn im Beisein der Königin, Helle Thorning-Schmidt im Parlament ihre Eröffnungsrede hält und das neue Folketingsjahr beginnt, wird sie Wahlen ausschreiben. Ob sie nach Brüssel wechselt oder nicht ist nur sekundär wichtig. Die Grundvoraussetzungen sind gut wie seit der Wahl nicht mehr. Die Sozialdemokraten wittern einen Sieg in einer schnellen Folketingswahl. Demnach beginnt das neue politische Jahr genau so dramatisch, wie das alte nun geendet hat. Wetten?
  

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