Bevormundung oder notwendige Maßnahmen – Gesundheitspolitik 2020



Der Artikel ist erstmalig in "Der Nordschleswiger" erschienen. (Foto: Wikipedia)

Der  sozialdemokratische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei, Dan Jørgensen, hat sich geschickt im Sommerloch medial in Szene gesetzt. Mit einem Thema, das nur auf dem ersten Blick unpolitisch daherkommen mag: Die Frage nach unseren Ernährungsgewohnheiten und der allgemeinen Gesundheit der Dänen. Dan Jørgensen hat sich vorgenommen, unsere schlechten Ernährungsgewohnheiten zu bekämpfen und damit die Volksgesundheit zu verbessern. 

Wie nicht anders zu erwarten, haben seine politischen Gegner den sommerlochtauglichen Federhandschuh aufgegriffen und das ministerielle Ansinnen zurückgewiesen, als ungebetene Einmischung in den freien Entscheidungshorizont des mündigen Bürgers. Besonders kreativ in seiner Verurteilung war dabei der sehr schlanke Leitartikelschreiber von „Børsen“, Christopher Arzrouni. Der hat dem gesundheitsbewussten Minister Jørgensen – auf sein leichtes Übergewicht (das mir nicht aufgefallen wäre) anspielend - über Facebook wissen lassen, dass wenn er - Dan Jørgensen - 15 Kilo abgenommen hätte, dann könnte er sich gerne bei ihm mit Ernährungstipps melden, vorher solle er ihn doch bitte mit seiner Bevormundung in Ruhe lasse. Das sind natürlich rhetorische Breitseiten, die den Minister eher freuen werden, da er dadurch mit seinem Thema überall in den Medien präsent ist und der politische Gegner freut sich ebenfalls über den Spaltenplatz. Also die altbekannten Rituale des politischen Geschäftes.  

Doch wenn man von der etwas reflexartig anmutenden Debatte über den Gegensatz von persönlicher Freiheit und Mitspracherecht der Gemeinschaft absieht, hat die Diskussion durchaus etwas Interessantes. Einige Fragen: Inwieweit hat der Staat das Anrecht, von seinen Bürgern zu verlangen, dass sie sich gesund verhalten? Denn mit einem ungesunden Lebensstil – das ist wissenschaftlich bewiesen – belastet der rauchende, übergewichtige Sportmuffel statistisch den Haushalt und die Allgemeinheit bedeutend mehr, als der sportliche, durchtrainierte Vegetarier. Darf sich der Staat dafür interessieren, ob seine Bürger Zigaretten rauchen, vor dem Fernseher ihr Essen einnehmen (laut Dan Jørgensen ist das ganz schlimm) und auch sonst ab und zu oder auch öfter ungesund sich verhalten? Oder ist dies alleinig die Entscheidung eines jeden Einzelnen, was er mit seinem Leben anfangen möchte?

Die medizinischen Möglichkeiten werden immer ausgefeilter, es kann mit der modernen Gesundheitstechnik unglaubliches geleistet werden – aber kann es sich eine Gesellschaft leisten, diese ganzen unendlich teuren medizinischen Möglichkeiten für Menschen anzuwenden, die (bewusst) entscheiden, ein ungesundes, ja ein gefährliches Leben zu führen? Muss der Staat nicht sogar eingreifen und Regeln vorgeben, damit das Gesundheitssystem auf Dauer überlebensfähig bleibt? 

In einigen Ländern fangen die Versicherungen und Krankenkassen bereits an, ausgetüftelte Profile von ihren „Kunden“ zu erstellen. Mit dem Stichwort Big-Data und der neuen Vernetzungswelle, die im Gesundheitsbereich bereits angerollt ist, wird es immer einfacher, sehr detaillierte Profile von den Bürgern / Patienten / Kunden zu erstellen. In den USA gibt es Versicherungen, die Preisnachlässe für Kunden bieten, die täglich – nachweisbar - Sport treiben. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt, sich vorzustellen, dass derjenige, der ungesund lebt, keinen Sport treibt, gar raucht oder vor dem Fernseher isst, irgendwann wird mehr für seine Versicherungen zahlen müssen, oder vielleicht erst gar nicht in den Genuss aller auf dem Mark zur Verfügung stehenden medizinischen Möglichkeiten kommen wird. Ist das gerecht?


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