Entscheidendes Privatleben


Das Privatleben der dänischen Politiker ist keine geschützte Sphäre. Der ungeschriebene Pakt, den es mal zwischen Politikern und Journalisten gegeben haben mag, dass man über Privates nicht berichtet, sofern dies keinen signifikanten Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit aufweist, den gibt es nicht mehr.

Eine Situation, wie in der Regierungszeit von Viggo Kampmann (1960-62), der an einer bipolaren Störung litt und dessen Regierungsarbeit in seinen Krankheitsphasen zum Teil erheblich beinträchtig war, der dennoch sowohl von seinem Beamtenapparat als auch von der Presse geschützt wurde, klingt aus heutiger Sicht (leider) beinah naiv. In einer gnadenlosen Mediengesellschaft ist ein jeder mit einem Smartphone und einem Facebook-Account auch ein potentieller Paparazzi.

Es ist gar nicht abwegig, den Gedanken zu formulieren, dass die bevorstehende Wahl durch das Privatleben entschieden werden könnte. Im politischen Kopenhagen kursiert der Spruch, dass derzeit zwar keiner genau wisse, wann die Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt (in der nächsten Woche wird in Brüssel wohl über ihre politische Zukunft entschieden) die nächste Folketingswahl ausschreiben werde. Doch man könne sicher davon ausgehen, dass dies nicht vor der Veröffentlichung der derzeit viel diskutierten Biographie über Lars Løkke Rasmussen - verfasst von den Journalisten Andreas Karker und Thomas Nørmark Krogh (BT) - geschehen werde.

Wegen der bevorstehenden Veröffentlichung des Buches kocht die Gerüchteküche noch stärker als sonst. Doch eingedenk der sich anbahnenden Schlammschlacht, ist es wichtig, eines vorweg klar zu stellen: Es gibt keinen Hinweis und hat auch nie Anzeichen dafür gegeben, dass die Skandale und Skandälchen von Lars Løkke Rasmussen seine Arbeit als Politiker - ob nun als Oppositionsführer, Minister oder Regierungschef - beeinflusst haben sollten. Sein Ruf als „begabter politischer Handwerker“ ist allenthalben anerkannt. Im Mittelpunkt steht derzeit alleine seine (moralische) Glaubwürdigkeit, die bekanntlich in den letzten Monaten arg gelitten hat.

Die Sozialdemokraten sichten einen politischen „game changer“ - wie es auf neu-deutsch so schön heißt: Das angekündigte Buch könnte die endgültige Beweisführung dafür liefern, dass Lars Løkke einfach nicht das Format hat, um Dänemark zu leiten. In den Strategie-Kohorten der Regierung wird dem Buch sehr viel Gewicht zugemessen. Doch neben dem politischen Überleben der Regierung, gibt es ein weiteres, nicht zu vernachlässigendes Argument, warum vor allem die Sozialdemokraten derzeit „Blut riechen“. Sie sinnen auf politische „Vergeltung“; die Anschuldigungen gegen Helle Thorning-Schmidt und ihrem Mann in der sog. Steuersache (die unter anderem mit der Unterstellung einer angeblichen Homosexualität ihres Mannes einen ungeahnten Tiefpunkt erreichte) sind keineswegs vergessen. Vor allem ist nicht vergessen oder vergeben, wie stark Venstres Führungspersonal in diese „Steuer-Kampagne“ (von der nichts übrig geblieben ist) verstrickt war.

Derzeit wissen nur wenige, was genau in dem Enthüllungsbuch über Lars Løkke zu lesen sein wird.  Doch geschickt wird die Presse mit Andeutungsrauchschwaden bedient, und das Geraune ob „unglaublicher Skandale“ ist hinter den Kulissen zu vernehmen. Also gesichert gilt, dass Venstre und die Getreuen um Lars Løkke Rasmussen - die ja im Abwehren von digitalen und medialen „shitstorms“ einige Übung haben - hoch alarmiert sind. Von außerehelichen Affären (eine Folketingspolitikerin hat bereits vorsorglich über Pressemitteilung kund getan, dass sie sich vor der Veröffentlichung des Buches anwaltlichen Beistand genommen hat), Alkohol sowie von den privaten Finanzen ist die Rede. Dies sind im Grunde alles keine neuen „Verdachtsmomente“, diese wurden bereits zuvor in den Medien kolportiert, jedoch bislang nie „bewiesen“. Ob das Buch eine Beweisführung antritt oder dies überhaupt versucht, ist nur nachrangig von Bedeutung. Kurz vor der Wahl - so die Hoffnung bzw. Befürchtung (ganz abhängig auf welcher Seite man steht) - spielen Beweise keine Rolle. Noch einen veritablen Skandal übersteht Lars Løkke nicht - weder im Angesicht der eigenen Parteimitglieder, der Parteiführung noch der dänischen Wähler. 

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