Sprachensterben – kein Anlass zum Feiern


Postkarte: www.language-diversity.eu 

„Jede Sprache enthält die Vorstellungsweise eines Theils der Menschheit“ (Wilhelm von Humboldt, 1836)

In Europa wird jedes Jahr -  am 26. September - der Europäische Tag der Sprachen gefeiert. Dies ist eine Tradition, die aus der Zeit herrührt, als die Europäische Union, gemeinsam mit dem Europarat, sich intensiv Gedanken über die sprachliche Vielfalt und Mehrsprachigkeit des Kontinentes machte

Schon immer ist es schwierig gewesen, auf europäischer Ebene dafür zu sensibilisieren, dass wenn über Mehrsprachigkeit gesprochen wird, nicht „nur“ die 24 offiziellen „Amts- und Arbeitssprachen“ der EU gemeint sind, sondern auch die so genannten Regional- und Minderheitensprachen mit in Betracht gezogen werden müssen (Fakten siehe weiter unten). 

Noch komplexer wird es, wenn man sich die Sprachenvielfalt in ganz Europa – nicht nur in der EU - betrachtet. Im geographischen Europa werden rund 150 verschiedene autochthone Sprachen gesprochen. Nicht enthalten in dieser Auflistung sind die zahlreichen Sprachen aus anderen Kontinenten oder Ländern außerhalb Europas. 

Leider scheint sich die EU derzeit aus dem Politikbereich Mehrsprachigkeit verabschieden zu wollen. Zumindest bietet die geplante Zusammensetzung der neuen EU-Kommission Anlass zur Sorge. In der Kommission Barroso I (2004-2009), gab es ab 2007 mit dem Rumänen Leonard Orban einen EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit. In der Kommission Barrosso II (2010-2014) war mit Androulla Vassiliou, Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend, das Portefeuille im Namen und Aufgabenbereich fest verankert  Bei der nun vorgestellten Juncker-Kommission wird die Mehrsprachigkeit nicht einmal erwähnt. Dies ist ein herber symbolischer aber auch handfester politischer Rückschritt. 

Derzeit wird hinter den Kulissen, in Gespräch mit Abgeordneten des Europäischen Parlaments, daran gearbeitet, das in der kommenden Woche beginnende Bestätigungsverfahren der EU-Kommission zu nutzen, um auf diesen Missstand hinzuweisen. In dem Anhörungsverfahren müssen  die zukünftigen EU-Kommissare allesamt auf den „Heißen Stuhl“ und sich den Fragen zu ihrem Ressort bzw. zu ihren politischen Überzeugungen stellen. Dies ist eine gute Möglichkeit, um nachzubohren, was sie über Mehrsprachigkeit und sprachliche Vielfalt denken. Bekanntlich muss das Parlament die einzelnen Kommissare bestätigen, bevor die Kommission von Jean-Claude Juncker die Arbeit aufnehmen kann. 

Natürlich bleiben der Sprachenerhalt und die Förderung der sprachlichen Vielfalt vornehmlich Aufgaben der nationalen und regionalen Ebene. Hier gibt es viele verschiedene Ansätze und erfolgreiche Modelle, von denen untereinander gelernt werden kann. Es wäre eine originäre Aufgabe der EU, diese „best-praxis“-Beispiele zu verbreiten und zu vernetzen. 

Während sich einige Regionen in Europa hervortun und die Regional- und Minderheitensprachen nicht nur schützen, sondern aktiv fördern (Schleswig-Holstein hat sich auch die Erarbeitung einer Sprachenpolitik vorgenommen) gibt es auch andere Gebiete Europa, wo Sprachen der Minderheiten regelrecht unterdrückt werden, wie zum Beispiel das Türkische in Griechenland. 

Einige Fakten zur Situation der Sprachen in Europa

1. Laut offiziellen Angaben der EU gibt es neben den 24 Amtssprachen der Europäischen Union, über 60 Regional- oder Minderheitensprachen, deren Sprecherzahl mit 40 Millionen beziffert wird. 

2. Größte Sprachgruppe in Europa sind die Russen mit über 110 Mill. und die Deutschen mit rund 90 Mill. Sprechern, gefolgt von Italienern, Engländern und Franzosen. 

3. Laut der von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Studie EUROMOSAIC liegt die kritische Grenze der für das Überleben einer Sprache notwendigen Sprecher bei 300.000, dass bedeutet, dass rund 80% aller Sprachen der europäischen Minderheitensprachen vom Aussterben bedroht sind. 

4. Zu den großen staatenlosen Sprachen zählen Katalanen und Okzitaner mit jeweils rund 6 Mill. Menschen. Diese Sprachen haben damit mehr Angehörige als zum Beispiel Finnen (5 Mill), Dänen (5 Mill), Norweger (4 Mill) und Kroaten (4,5 Mill), die allesamt Nationalsprachen sind. Aber auch Waliser, Basken, Westfriesen, Bretonen und einige der Völker Russlands wie Baschkiren und Tschuwaschen, liegen über der kritischen Sprachgrenze. 
Darunter liegt die große Mehrheit der Regional- und Minderheitensprachen, wie Ladiner, Rätoromanen, Ober- und Niedersorben, Nordfriesen und Kaschuben. 

(weitere Fakten finden sich bei dem interessanten, durch die EU geförderten, Projekt „Langugage diversity“. Ein Blick auf die Seiten von Network to Promote Linguistic Diversity (NPLD) lohnt sich ebenfalls. 

Das Sprachensterben und damit der einhergehender Kulturverlust sind bei weitem kein europäisches Phänomen. Ganz im Gegensatz zur verbreiteten Auffassung ist Europa nicht das "Babel der Welt", das gar mit einem „Sprachengewirr“ für Chaos sorgt. Die meisten Sprachen werden in Südamerika und Asien angetroffen. Über 6.500 Sprachen gibt es auf der Welt. In weniger als 100 Jahren wird die Hälfte davon ausgestorben sein ... 


Literaturtipp: Das gerade kürzlich auch auf Deutsch erschienene Buch „Wenn Sprachen sterben“ von Nicholas Evans ist sehr zu empfehlen. 

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