Victor Gollancz-Preis: Menschenrechtler ehren den Menschenrechtler Bernard Kouchner


Foto: GfbV

Wer die Vita von Bernard Kouchner studiert, wird zwangsläufig mehrmals beeindruckt innehalten. Der heute 74-Jährige, in Avignon geborene Arzt, Autor, Politiker und Menschenrechtler hat in den letzten vier Jahrzehnten nicht nur die Weltgeschichte miterlebt, sondern sie teilweise mit geprägt. (Hier ein umfangreicher Bericht in der London Review on Books)

Bernard Kouchner wurde am Wochenende für sein Lebenswerk mit dem Victor Gollancz-Preis der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ausgezeichnet. Es kam dabei in Göttingen zum Zusammentreffen zweier europäischer Menschenrechtler, die jeder auf der ihnen eigenen Art und Weise die Arbeit für die Menschenrechte weltweit über die vergangenen Jahrzehnte maßgeblich  geprägt haben: Der Gründer und heutige Generalsekretär der GfbV, Tilman Zülch und der Gründer der Ärzte ohne Grenzen, Bernard Kouchner. Geplant war ein Treffen des „Trios der Menschenrechtskämpen“. Leider musste Rupert Neudeck, der dritte im Bunde und als Gründer des Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V.  kurzfristig, krankheitsbedingt absagen. Er war als Freund und Wegbegleiter von Bernard Kouchner für die Laudatio des mit 3.000 Euro dotierten Preises vorgesehen. Dennoch wurde die feierliche Preisverleihung in der altehrwürdigen Aula der Göttinger Universität - die Rede von Rupert Neudeck wurde verlesen - zum beeindruckenden Plädoyer für die unveräußerlichen Menschenrechte. Was nicht zuletzt der fulminanten, frei vorgetragenen Dankesrede von Kouchner zuzuschreiben war. 


Foto: Privat

Als jahrelanger Freund der Kurden warnte Kouchner vor den Grausamkeiten, die bereits in Syrien und Irak täglich geschehen und nun mit Blick auf die hochdramatische Lage, bei der die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) nur wenige Kilometer vor der kurdischen Grenzstadt Kabani stehen, weiter zu eskalieren drohe. Die Welt muss reagieren und darf nicht nur zuschauen oder gar weg schauen, so der ehemalige französische Außenminister. 

Eindringlich machte Kouchner auf die Ebola-Epidemie in Afrika aufmerksam, die sich zur neuerlichen Tragödie des arg gebeutelten Kontinents entwickele. Auch hier müsse die Weltgemeinschaft agieren und nicht nur mit völlig unzureichenden Mitteln handeln, wie bisher. 

Wie bei Tilman Zülch beginnt für Kouchner vieles in Afrika; unter anderem in Biafra, wo sich 1968 bis 1970 mit Unterstützung der Sowjetunion und Großbritannien ein Völkermord an den Ibos, mit weit über einer Million Ermordeten - unter den Augen der Weltöffentlichkeit - vollzog. Bernard Kouchner lebte als junger Arzt monatelang in dem Schlachthof, dem eingekesselten Biafra, wo er in einem Feldlazarett fast pausenlos operierte und unter Einsatz des eigenen Lebens miterlebte, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sein können. Als Entsandter des Roten Kreuzes zur strikten politischen Neutralität verpflichtet, brachte ihn die eigene politische Untätigkeit zur Verzweiflung;  nichts gegen die Gräueltaten tun zu können, außer die Opfer notdürftig zu versorgen, sofern diese noch am Leben waren. Er entschied sich dafür, den Eid zu brechen, den er geschworen hatte und über die unvorstellbaren Grausamkeiten zu berichten und auch politisch zu handeln. Die persönlichen Erlebnisse der Hilflosigkeit brachten ihn dazu, die noch heute weltweit tätige Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ zu gründen. 

Bernard Kouchner hat an zahlreichen Krisenherden als Menschenrechtler Großes geleistet. Der Sprung in die Politik - vor allem in seiner Zeit als Außenminister unter Sarkozy - haben ihm viele übel genommen. Doch wer den diesjährigen Victor-Gollanz-Preisträger im persönlichen Gespräch erlebt, erkennt sofort die ungebrochene Überzeugung, für diejenigen sprechen und handeln zu müssen, die keine Stimme haben.

Die Kompromisse - so gibt er gerne zu - die ein Leben in der Politik mit sich führen, können mitunter sehr schmerzlich sein. „Glauben sie ja nicht, dass mein Freund Steinmeier nicht liebend gerne, lieber heute als morgen, mehr tun würde. Wenn man den Widerspruch nicht mehr aushält, muss man zurücktreten“, so Kouchner, der jedoch gleichzeitig hinzufügt, dass man sich damit auch aus der Verantwortung stiehlt. Man müsse den eigenen Einfluss nutzen, den man als hochrangiger Politiker hat, trotz der vielen Zwänge. 


Foto: Privat 

Es ist ein beeindruckender, lebensfroher „grand old man“ der Menschenrechtsarbeit ausgezeichnet worden, der im persönlichen Gespräch die Praktikantin nicht weniger ernst nimmt, als einen hohen politischen Vertreter. Ein Preisträger, der zuhören kann aber noch viel besser erzählt, von den Menschen, Konflikten, Ereignisse, die sein Leben geprägt haben. Ein Politiker, der von vier-Augen-Verhandlungen mit den ganz Großen der Weltpolitik berichten kann und auch nicht mit persönlichen Einschätzungen geizt. Der in Göttingens Fußgängerzone spontan, die wohl in Göttingen berühmteste Französin - Barbara - die er natürlich persönlich sehr gut gekannt hat, singend, textsicher ehrt.

Sein Rat ist weiterhin gefragt. Beim gemeinsamen Frühstück telefoniert er mit dem Generalstabschef der französischen Armee, der seine Einschätzung der Lage in Syrien und Irak hören will. Er ist in dieser Einschätzung unzweideutig - sowohl dem General als auch den beeindruckten Frühstücksgästen gegenüber macht er klar:  Wir müssen handeln. Wir dürfen nicht wieder zusehen, wie ein Genozid sich ankündigt und dabei nicht agieren. Die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) sind Barbaren, die es zu stoppen gilt. 

Der Victor-Gollancz-Preis ging 2014 zu Recht an den Menschenrechtler Bernard Kouchner, der sich bereits in wenigen Tagen wieder auf den Weg machen wird, um im Irak und Syrien selbst vor Ort die Lage zu sondieren. 


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