Provinz gegen Hauptstadt – Jammern gilt nicht

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit fußt auf Vertrauen

In Dänemark scheint – überspitzt formuliert - ein Kampf entbrannt zu sein; ein Kampf zwischen der Provinz und der Hauptstadt. (Provinz ist hier nicht mit provinziell gleichzusetzen – gemeint ist das Gebiet außerhalb der Hauptstadt). Oft wird geklagt: staatliche Arbeitsplätze werden abgezogen, alle Infrastrukturprojekte von Bedeutung kreisen allein um die Hauptstadt, und wir bekommen nicht mal ein Doppeltgleis bis zur Grenze. 

Ein wenig erfolgsversprechender Versuch einiger dänischer Provinzstädte, mit Aarhus und Aalborg an der Spitze, ist der jüngste Vorstoß gegen diese gefühlte Benachteiligung. In rechter „Robin Hood-Manier“ wollen die Provinzbürgermeister den kommunalen Finanzausgleich ändern, um zusätzliche Mittel an die Provinz zu kanalisieren. Zahlreiche Kommunen in Dänemark sehen ihre Fälle davonschwimmen, wenn sie gen Hauptstadtregion blicken. 

Wer sich auf eine Reise durch Dänemark begibt, dem werden immer mehr verlassene Höfe, zum Verkauf stehende Häuser und wie ausgestorben wirkende Ortschaften begegnen. Dabei oft begleitet von schöner Natur, bester Verkehrsanbindungen und günstigen Preisen. So pittoresk und idyllisch die Provinz daherkommen mag: Dänemark zieht vom Land in die Stadt. Dies ist ein schleichender Prozess, der aber immer deutlicher in seiner gesellschaftsverändernden Dimension sichtbar wird. In den letzten fünf Jahren sind rund 50.000 Personen in die Hauptstadt gezogen. Für ein Land wie Dänemark, dessen nationales Selbstverständnis und wirtschaftlicher Aufstieg auf einem starken landwirtschaftlichen Sektor in der Provinz fußte, ist das eine vielschichtige Herausforderung. Die „Landflucht“ ist ein Ausläufer der Globalisierung und ein weltweiter Trend. Die Städte wachsen und die Provinzen entvölkern sich.  In Amsterdam haben sich just 300 Bürgermeister der größten Städte der Welt getroffen und eine neue Interessenvereinigung besiegelt. Viele dieser Städte haben weitaus mehr Einwohner als Dänemark. Einige Experten gehen davon aus, dass die Metropolregionen dem Nationalstaat in einigen Jahrzehnten als dominierende Einheiten den Rang ablaufen werden. 

Also alle Bemühungen sinnlos? Provinz ist halt provinziell – da können wir alle einpacken? Nein – aber sich auf einen Kampf mit der Hauptstadt einzulassen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Kopenhagen ist und bleibt stärker – wirtschaftlich, kulturell sowie politisch. Statt zu bekämpfen, sollten die Kräfte anders sinnvoll eingesetzt werden. Denn eine Region / Provinz kann durchaus so attraktiv gestaltet werden, dass sie erfolgreich im Wettbewerb besteht. Wir haben in Nordschleswig – das unterstreicht die Schleswigsche Partei immer wieder zu Recht – einen Standortvorteil im Vergleich zu den vielen anderen schwächelnden Regionen in Dänemark. Wir liegen an der einzigen Landgrenze des Königreiches. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Alleinstellungsmerkmale. Durch die Geschichte, in denen Grenzen ihrem Wesen nach trennende Konstrukte waren, müssen diese heute keine Hindernisse mehr für Warenverkehr, Kulturaustausch oder Wachstumsmöglichkeiten sein. 

Anstatt sich darüber zu beklagen, wir seien „udkantsdanmark“ (das könnte sich zu berüchtigten selbsterfüllenden Prophezeiung wandeln) – sollte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gestärkt werden – auch wenn damit sicher (anfangs) bedeutend mehr Kosten als Einnahmen verbunden sein werden. Es ist kein Geheimnis, dass in der deutsch-dänischen „Provinzzusammenarbeit“ noch Luft nach oben besteht und bei Luft sollte man nicht „nur“ an den Rettungshubschrauber denken. Ein Blick über den eigenen Tellerrand, in andere europäische Regionen hinein, lohnt sich. Einige dieser grenzüberschreitenden Regionen haben sich sogar soweit vorgewagt und eine juristische Einheit gegründet (Europäischer Verbund territorialer Zusammenarbeit) in der sie gemeinsam erfolgreich so komplexe Aufgaben wie Müllabfuhr, Wasserversorgung, Bibliothekwesen, Tourismusförderung etc. grenzüberschreitend regeln. Gemeinsam kann man nämlich auch gegen eine omnipräsente Hauptstadt bestehen. 

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