Wohin bewegt sich Südtirol? Zwischen Autonomie und Separatismus

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Der Südtiroler Landtag hat am Mittwoch, den 8. Oktober 2014, über die Forderung nach einem „Selbstbestimmungsreferendum“ diskutiert. Schottland und Katalonien lassen grüßen. 

Auf Antrag der „liberal-patriotischen“ Süd-Tiroler Freiheit – Mitglied bei der European Free Alliance – sollte die Südtiroler Landesregierung, mit Landeshauptmann Arno Kompatscher an der Spitze, dazu aufgefordert werden, in Rom das „völkerrechtlich verbriefte“ Recht auf Selbstbestimmung für Südtirol geltend zu machen. Sprich, man will, dass die Südtiroler in einem Referendum über eine Abspaltung von Italien abstimmen können. Der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt. 

Das Referendum in Schottland und der Druck der Katalanen, „eine nicht-bindende“ Abstimmung über eine  Eigenstaatlichkeit abhalten zu dürfen, haben den Druck auf die Südtiroler Volkspartei, der großen Sammel- und Regierungspartei, verstärkt. 

Bislang fehlt es von der Regierung und dem politischen Establishment mit Blick auf den Spagat zwischen Autonomie und Separatismus an überzeugenden Ideen und Alternativen. Die allzu plakative Botschaft einer – wie auch immer gearteten „Unabhängigkeit“ – findet in weiten Teilen der Bevölkerung Rückhalt, vor allem auch in der jungen Generation. Man ist mit der Politik in Rom unzufrieden und ist sich sicher, dass man ohne das Diktat aus Rom, noch besser dastehen würde. Eine Identifikation mit dem Gesamtstaat Italien ist nur schwach ausgeprägt. 

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Es ist Südtirol gelungen - das als Folge des ersten Weltkrieges zu Italien gelangte - sich in den letzten Jahrzehnten, von einer bäuerlich geprägten, strukturschwachen Region zu einer der wohlhabendsten  Regionen Europas zu entwickeln. 

Die Autonomieregelungen (Autonomiestatut) gelten als vorbildlich in Europa. So wurde im Zuge der Ukraine-Krise gerne das „Südtirol-Modell“ herbeizitiert, wenn es um die Regelung des schwierigen Zusammenlebens in Regionen ging, in denen eine landesweite Minderheit (Deutsche in Italien) in einer Region (Südtirol) die Mehrheit stellt. 

In Südtirol leben derzeit ca. 63% deutschsprachige und 23% italienischsprachige Menschen. Die Ladiner machen rund 4% der Bevölkerung aus (Quelle: Zensus 2011). 

Auf das Recht zur Selbstbestimmung pochen dabei alle Politiker – von der SVP bis zu den Separatisten von der Südtiroler Freiheit.  SVP-Vorsitzender Philipp Achhammer betont, ein unabhängiges Südtirol sei politisch nicht realistisch und würde in der Bevölkerung nur fahrlässig Hoffnungen wecken. Im Gegensatz zu Schottland (5,3 Millionen) und Katalonien (7,5) ist Südtirol mit 515.000 Einwohner recht klein. 

Daher werden in Südtirol auch immer wieder andere Optionen besprochen – zum Beispiel der Beitritt zur Schweiz und die Aufnahme als 27. Kanton der Alpen-Föderation. 

Der Druck auf das Parteiestablishment der SVP wächst. Die Bevölkerung wünscht Antworten, wie man sich die Zukunft vorstellt – am besten ohne Einmischung aus Rom. 

Der Alt-Obmann Luis Durnwalder hat mit politischem Geschick die weitereichende Autonomie in seinen 25 Jahren an der Spitze Südtirols ausgehandelt und vertieft. Diese Südtiroler Autonomie war durch den legendären Landesvater Silvio Magnago (1914-2010) gegen große innere und äußere Widerstände (Bombenanschläge und Folterungen) erst ermöglicht worden. 

Der „neue“ Landeshauptmann Arno Kompatscher verhandelt derzeit in Rom über einen weiteren Ausbau der Südtiroler-Autonomie. Doch mit zusätzlichen Steuereinnahmen und kleinen Justierungen hier und dort wird er wahrscheinlich die wachsende Stimmung für einen Separatismus (wie auch immer diese Aussehen mag) nicht begegnen können. 

Wie er mit dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit in einem sich wandelnden Europa umgehen wird, ist die große politische Herausforderung für den seit 2014 amtierenden Landeshauptmann Arno Kompatscher und wird die Zukunft Südtirols bestimmen. 


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