Die Minderheiten in Europa und die politische Wende


Der Artikel ist erstmals am 11. November in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" erschienen. 

Am Sonntag, den 9. November, wurde in Berlin gefeiert. 25 Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen. Es wurden viele kluge Reden gehalten, Empfänge in der ganzen Republik veranstaltet, und die Bürger - vor allem in Berlin - feierten das unerwartete und freudige Ereignis von vor 25 Jahren.

Die so genannte politische Wende, die mit dem Untergang des kommunistischen Systems in die Weltgeschichte Eingang fand, führte auch für die Minderheiten zu einer grundlegenden Neugestaltung der politischen und kulturellen Wirklichkeit. Die bislang mehr oder weniger übersichtliche Minderheitenlage im Westen Europas (blendet man die Terror-Geschichte Nordirlands und des Baskenlandes aus) wurde um eine ganz neue (historisch gar nicht so neue) hoch komplexe und diverse Dimension erweitert. Wie würden sich die vielen Minderheiten verhalten, die nun die Möglichkeit besaßen, ihre eigenen Belange ohne Angst vor Repressalien zu artikulieren?  Die deutsche Minderheit in Polen zum Beispiel, die über Jahrzehnte lang unterdrückt und nur im Verborgenen ihre  Kultur und Sprache pflegen konnte? Die Ungarn in Rumänien, mit 1,5 Million Angehörigen, kompakt siedend und mit wenig Bindung und viel aufgestauten historischen Groll gegenüber dem rumänischen Staat; wie würden man sich im Szeklerland, in Transylvanian verhalten? Solcher Beispiele und bange Fragen der Sicherheitspolitiker gab es in den turbulenten Jahren zuhauf. 

In diesem Zusammenhang war die Situation der Sorben in Deutschland, die im Einigungsvertrag mit einer Protokollnotiz ihre Rechte gesichert sahen, noch relativ überschaubar. In Rumänien, wo bekanntlich die Revolution in Kreisen der evangelischen Kirche, unter dem ungarischen Pastor und späteren Bischof Laszlo Turkes ihren Anfang nahm, entwickelte sich dramatisch. In der Stadt Klausenburg / Cluj / Kolozsvár standen sich die Bevölkerungsgruppen nur von einigen, wenig motivierten Polizisten getrennt, feindlich gegenüber. Es gab Tote. Ein Bürgerkrieg drohte. Nur durch das umsichtige Handeln der damaligen ungarischen Vertreter, konnte Schlimmeres vermieden werden. Wer sich die Berichte der damals agierenden Akteure anhört, der kann nachvollziehen, wie eng man an einer gewaltsamen Entladung nationalen Hasses vorbei geschlittert ist. Wozu dies führen kann, wurde nur wenig später, auf dem Balkan, im Zuge der Balkankriege, in aller Grausamkeit deutlich.

Für die deutsche Minderheit in Nordschleswig, war die Entwicklung auch ein Paradigmenwechsel - wenngleich aus der Position des Beobachters und ganz ohne Dramatik. War man bislang als einzige deutsche Minderheit von der Bundesrepublik Deutschland besonders zuvorkommend unterstützt, musste man sich das Interesse und den Geldbeutel der Politiker nunmehr mit den vielen neuen Minderheiten teilen. Bis zum politischen Umbruch war eine nachhaltige  Unterstützung des deutschen Minderheitenlebens in den mittel- und osteuropäischen Ländern nur über Umwege und schwierigen Bedingungen möglich. Dies änderte sich. Plötzlich fand sich die deutsche Minderheit in Nordschleswig in einer Gemeinschaft der deutschen Minderheiten wieder. Es gibt diese deutschen Minderheiten in 18 europäischen Ländern, was vor allem mit der brutalen Vertreibungspolitik Stalins zusammenhängt und dazu geführt hat, dass es von Usbekistan über Kasachstan auch in zentralasiatischen Ländern deutsche Minderheiten gibt. 

Wenn man heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, sich an eine Einschätzung des vergangenen Vierteljahrhunderts aus Minderheitensicht wagt, muss man ohne wenn und aber die positiven Entwicklungen, die durch die neu gewonnene politische, kulturelle und sprachliche Freiheit entstanden sind, gebührend würdigen. Vor allem die Aufnahme in die EU hat in vielen der neuen Staaten einiges in Bewegung gesetzt. Doch noch ist viel zu tun: In zahlreichen Regionen Europas steht die 100-jährige Annäherungspolitik, die das deutsch-dänischen Grenzland von heute ausmacht, noch in ihren Anfängen; es sind halt nur 25 Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen.

Bei allem Jubel dieser Tage, ist auch Kritik angebracht. Wem die Versprechungen Anfang der Neunzigerjahre noch im Ohr klingen, dass die Minderheiten den Kern der europäischen Zukunft ausmachen und sozusagen die Quintessenz all dessen darstellen, was europäisch ist, der sieht sich heute enttäuscht. Minderheitenpolitik führt ein Nischendasein, und die sprachliche sowie kulturelle Vielfalt wird mehr in Sonntagsreden, denn in konkreter Politik manifest. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Politiker und Entscheidungsträger mit Blick auf die Minderheitenpolitik an ihre Versprechen von vor 25 Jahren erinnern würden. 

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