Lars Løkke Rasmussen (LLR) und das Innenleben einer Partei kurz vor dem offenen „Flügelkrieg“


Die Buchbesprechung ist in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erschienen. 

Bei einigen Rezensenten und Kommentatoren ist die Enttäuschung nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen: Wo sind die neuen saftigen Details über das Privatleben des Lars Løkke Rasmussen? Dass er ab und an mal ein Bier zu viel trinkt, im Hotelzimmer raucht, die privaten Finanzen nicht ganz im Griff hat, sich auf Parteikosten beim Nobelschneider hat einkleiden lassen - das sind doch keine neuen Skandale. Das ahnt jeder geneigte Leser der Regenbogen-Presse in Dänemark schon längst. Bis auf die Tatsache, dass Løkke seinem Fahrer, den ihm die Partei zur Verfügung gestellt hat, kein guter Chef gewesen sein soll, ist auf der Skandalfront nicht viel Neues in der Biographie mit dem Titel „LLR“ über den Anwärter auf das höchste Regierungsamt des Staates zu erfahren.

Doch das Buch ist dennoch oder gerade deswegen empfehlenswert. Durch die Verdichtung der turbulenten Ereignisse der letzten Monate und Jahre auf 284 Seiten, ergibt sich eine ziemlich detaillierte Charakter- und Politikstudie des Venstre-Vorsitzenden. Lars Løkke Rasmussen hatte anfangs versucht das Buchprojekt mit Drohungen zu verhindern und dann schließlich doch mit mehrstündigen Interviews selbst beigesteuert. Die Autoren Andreas Parker und Thomas Nørmark Krog können süffisant berichten, dass die Venstre-Abgeordneten Schlage standen, um anonym oder offen an dem Buchprojekt als Informanten mitzuwirken. Daher liest sich das Buch der Berlingske-Journalisten - das gründlich recherchiert ist und bislang keine inhaltliche Kritik von nennenswertem Umfang hat erwidern müssen - wie ein politischer Krimi.    

Neben einer Charakterstudie des LLR, die zwischen hartem Urteil und durchschimmernder Sympathie schwankt, ist das Buch doch vor allem ein Studie einer Partei, die kurz vor dem Ausbruch eines „Flügelkrieges“ steht. Nur der gemeinsame Wunsch aller Akteuere, die für das Frühjahr 2015 erwartete Wahl nicht zu gefährden, verhindert derzeit eine offene parteiinterne Schlammschlacht. 

Der spannendste Teil des Buches beschreibt das mittlerweile bereits mystisch verklärte Treffen von Odense, am 3. Juni 2014, an dem die 132 Delegierte des erweiterten Venstre-Vorstandes über das Schicksal des Parteivorsitzenden entscheiden sollten. Dieser war angeschlagen durch zahlreiche Skandale und Skandälchen, die minutiös in dem Buch noch mal aufgearbeitet werden. Das Schicksal des LLR wirkte besiegelt. Mit Kristian Jensen stand ein Kronprinz / Königsmörder bereit, und die Presse berichtet bereits mit „Breaking News“ über den bevorstehenden Rücktritt. Doch die viel gerühmte Kämpfereigenschaft des LLR zeigte sich in der „Nacht von Odense“, wo es Lars Løkke Rasmussen noch einmal - völlig überraschend - gelang seinen Kopf auf bester Machiavelli-Fasson aus der Schlinge zu ziehen.

Doch der Kampf um den Vorsitz, mit Løkke als zwischenzeitlichen Sieger, hat eine tief gespaltene Partei hinterlassen. Nicht nur die Fraktion im Folketing - in der im Vorfeld des Schicksalstreffen zahlreiche Abgeordneten namentlich und öffentlich ihrem Vorsitzenden das Vertrauen entzogen hatten, sind die Wunde weder verheilt noch ist abzusehen, wie die parteiinterne Machtkampf ausgeht.  

„Zwar hat die Partei eine offene Auseinandersetzung um den Vorsitz vermieden - doch Venstre hat nun einen Jensen- und einen Løkke-Flüge. Diese bekriegen sich gnadenlos. Vertreter der jeweiligen Flügel beschuldigen sich gegenseitig „Todes-Listen“ mit Namen erstellt zu haben, die nie einen Topsten erhalten dürfen“, heißt es in dem Buch. (Seite 266)

Für den Leser aus Nordschleswig wird es besonders interessant, wenn es um die hervortretende Rolle von Carl Holst geht (dem wohl ein Ministerposten als einer der treusten Adlaten von LLR sicher sein dürfte). Aber auch Peter Christensen ist eine zentrale Figur im Machtspiel auf Seiten des LLR-Flügels.

Ellen Trane Nørby dahingegen wird zu den Unterstützer von Kristian Jensen gezählt und ist daher aus verabredeten Proporzgründen auch in das Innere des Machtapparates als Mitglied des Fraktionsvorstandes gerückt. (S.182)

Oder der gerissene Fuchs Hans Christian Schmidt, der die „alten Herren“ der Fraktion um sich scharrt und sich auch mal ein lautstarkes Gefecht mit Løkke liefert, so dass die Wände wackeln und er anschließend zum Minister ernannt wird (siehe Seite 183). 

Das Buch ist ein „page-turner“, der das Innenleben der vielleicht bald wieder Regierungspartei Venstre schonungslos durchleuchtet und ihren Parteivorsitzenden mit allen seinen Stärken und Schwächen beschreibt. Ob alle Details 100%-stimmig sind und ob sich jede Situation auch abgespielt hat, wie beschrieben, mag dahingestellt sein. Doch das Buch belegt lebhaft und kurzweilig, wie nervenaufreibend-persönlich das Innenleben der Partei Venstre sich derzeit hinter den Kulissen abspielt.

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