Vertrauensgesellschaft kontra Cyber-Krieg


Der Artikel ist in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erschienen. 

Im Internet wird gewitzelt: Kim Jong Un, der Diktator in Pjöngjang, Nordkorea, sei der neue Chef von Sony Films. 
Nach einem Hacker-Angriff bei Sony, wurden unter anderem zahlreiche Privat-Mails von Hollywood-Stars entwendet. Diese wurden medienwirksam veröffentlicht. Die Hacker drohen mit weiterem Ungemach, solle Sony sich entschieden, eine Komödie – die das Attentat gegen Kim Jong Un im Mittelpunkt hat – in die Kinos zu bringen. Sony hat nun eingelenkt und die Veröffentlichung des Films gestoppt. Sieg für Nordkorea! Wie bitte? Willkommen im 21. Jahrhundert.

Die Kriege der Zukunft werden verstärkt im Cyberspace stattfinden. Angriffe auf die Infrastruktur eines Landes lassen sich nicht nur durch Cruise Missiles, sondern auch mit Viren und Hackerangriffen durchführen. Computertechnik ist überall: von der Steuerung der Ampelanlagen bis hin zu den Atomkraftwerken. China, USA, Russland und Nordkorea (alle anderen auch) rüsten derzeit vor allem im Bereich der Cyber-warefare (Kriegsführung) auf. Der Krieg an Tastatur und Joystick ist keine Zukunftsvision, sondern bereits Realität. 

Edward Snowden hat das Ausmaß der Bespitzelung der Bevölkerung durch die Geheimdienste aufgedeckt. Wer eine gruselige Weihnachtslektüre sucht, sollte das Buch „Die Globale Überwachung“ des britischen Journalisten Glenn Greenwald lesen. Neben dem Respekt, den man für Edward Snowden gewinnt, wird einem beim Lesen bewusst, wie erschreckend nicht allein die Zukunft ist, sondern dass wir sozusagen bereits in dieser Zukunft leben. 

Doch was hat das mit uns „Normalbürgern“ zu tun? Wir, die keine Terrorpläne mit uns herumtragen, nicht mal ein klitzekleines Verbrechen planen. Was haben wir denn zu befürchten? Ein kleines Beispiel, das bei Jaron Lanier in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ zu lesen ist. 

Der Vater einer 16-jährigen Tochter stürmt wutentbrannt zum lokalen Supermarkt. Seit Wochen wird seine minderjährige Tochter mit Werbungen für Windeln, Babynahrung und ähnliches bedacht. Jeden Tag liegt im Briefkasten neue Baby-Werbung. „Wollen Sie meine Tochter ins Unglück drängen?“, fragt der erboste Vater. Wenige Tage später ruft der Leiter des Supermarktes an, um sich zu entschuldigen. Doch der Vater muss kleinlaut zugeben, dass die Werbung genau richtig war. Die Tochter hat gebeichtet, dass sie Schwanger sei. Wie konnte der Supermarkt von der  Schwangerschaft wissen? Durch ihr Verhalten im Internet, ihre Suche über Google, der Gebrauch ihrer Kreditkarte, ihres Handys etc. wird ein Profil erstellt, das für die Zustellung „personifizierter Werbung“ genutzt wird. Dies ist keine Zukunftsphantasie – sondern tagtägliche Realität.

Der Begriff der Privatheit wird derzeit einer Neuauslegung unterzogen. Was für uns ein hohes Gut ist, das Recht auf eine (digitale) Privatsphäre gilt bei vielen jungen Menschen als antiquiert. Fragen Sie ruhig mal ihre Kinder bzw. Enkel, wie sie diese Frage betrachten. Wer sich noch mehr gruseln möchte, sollte den Roman „Der Circle“ von Dave Eggers lesen, der diese Zukunft – sozusagen ein freiwilliges „Schöne Neue Welt-Szenario“ - beschreibt. Gruselig-realistisch.

Dänemark ist ein besonderer Fall; wir sind zu recht stolz auf unsere Vertrauensgesellschaft. Wir vertrauen im Großen und Ganzen unserem Nachbarn, den Journalisten, den Politikern. 
Das Personennummer-System (CPR) in Dänemark ist für diese Vertrauensgesellschaft ein beredtes Beispiel. Daten werden zentral gesammelt. Wer keine CPR-Nummer hat, der existiert quasi nicht. Mit dem neuen NEM-ID System hat man sozusagen über diese Gesamtdatei aller personenrelevanten Daten noch eine weitere Ebene gespannt. Unsere Kommunikation wird nun – ob in Zusammenspiel mit den Kommunen oder den Banken – über diese Digitalisierung vollzogen. Ein wahres Paradis für Hacker. 2012 wurden 4 Millionen CPR-Nummern „gehackt“ (vulgo: gestohlen). Auch die CPR-Nummer aller Folketingsabgeordnete und Minister wurde von Hackern veröffentlicht; auch mit wenig Kenntnis, können diese noch heute im Internet abgerufen werden (dafür muss man kein Experte sein). 

Wir vertrauen unseren Politikern und unserer CPR-Nummer. Das ist gut so und erleichtert das Zusammenleben. Doch in der digitalen Ära ist Vertrauen gut - in der leichten Abwandelung des Lenin-Wortes – ist jedoch Datenkontrolle besser! 

Diese Diskussion fehlt in Dänemark und hoffentlich bedarf es nicht einem Kim Jong Un-Hacker-Angriff, bevor wir anfangen unsere Datensicherheit ernsthaft zu diskutieren. 

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