Alte und neue Minderheiten oder der Islam gehört zu Deutschland

Angela Merkel - Foto: Bundesregierung

Die Bundeskanzlerin hat sich nicht nur Freunde gemacht, als sie - dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff argumentativ folgend, kürzlich erklärte, dass der Islam zu Deutschland dazu gehöre. Was auch immer man unter dieser Aussage verstehen mag, so hat die Bundeskanzlerin zumindest den Millionen Deutschen, mit islamischen Glauben, eine späte Anerkennung zuteil werden lassen. Denn, was im ersten Moment für viele banal klingen mag, nämlich die Tatsache, dass wenn Millionen Menschen islamischen Glaubens gleichzeitig deutsche Staatsbürger sind, der Islam auch zu Deutschland gehört, ist nicht unbedingt für jedermann selbsterklärend.

In der Diskussion über die Frage, welche Bevölkerungsgruppen nun in Deutschland „dazu gehören“ oder nicht, wird gerne die strikte Unterscheidung zwischen neuen und alten Minderheiten bemüht. Nach dem Gusto: Die autochthonen Minderheiten, wie Dänen, Sorben, Friesen, sind „schon immer“ da gewesen - sie gehören sozusagen mit historischem Recht dazu; sie sind alteingesessen (autochthon), damit sozusagen „landestypisch“. Schwieriger tun sich die nationalpolitisch rechts stehenden Diskutanten bereits mit der Frage der autochthonen Sinti und Roma, die zwar seit dem Mittelalter urkundlich in Deutschland Erwähnung finden, aber nicht wirklich als „landestypisch“ anerkannt werden. Ablehnung erfahren „die Türken“ (häufig sind Kurden gemeint) oder andere Bürger, muslimischen Glaubens; diese seien nun wahrlich nicht landestypisch, ob nun mit deutscher Staatsbürgerschaft oder nicht. Es drohe die Überfremdung, oder um mit Pegida zu sprechen, gar die „Islamisierung des Abendlandes.“ 

Diese Argumentation hat gleich mehrere immanente Brüche. Viele autochthone Minderheiten in Europa - die heute ganz selbstverständlich als „alte Minderheiten“ gelten, haben einen allochthonen, einen Einwanderungshintergrund. Die deutsche Minderheit in Rumänien, die Banater Schwaben oder die Russlanddeutschen können als Beispiel herhalten - niemand würde diesen Minderheiten absprechen, „alteingesessen“ zu sein. Daraus ergibt sich die politisch verzwickte Frage, wie lange eine Minderheit in einem Land leben muss, um als „landestypisch" bzw. autochthon anerkannt zu werden. Auf die Spitze getrieben: ab wann kann die türkisch-muslimische Minderheit oder die Kurden in Deutschland als nationale Minderheiten Anerkennung finden? Falls sie diese überhaupt anstreben. So mancher definiert sich „einfach“ als Deutsch-Türken, Deutsch-Kurde oder Deutscher mit muslimischen Glauben - und es soll sogar Menschen geben, denen diese nationale Kategorisierung auf den Wecker geht … Bei Fragen der Identität wird es immer herrlich vielschichtig. Nichts für einfache „Pegida-Antworten“. 


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