Lasst Särge sprechen: Der Spielgel berichtet in einer ausführlichen Reportage über die deutsche Minderheit


Der Artikel ist erschienen im "Der Nordschleswiger" - der Online-Ausgabe. 

Die großen Zeitungen und Magazine digitalisieren derzeit im großen Stil ihre Archive: eine wahre Fundgrube und Freude! Mit nur ein paar Schlagwörtern findet man im Internet die interessantesten (historischen) Artikel. 

Ein Beispiel dafür ist eine atemberaubende Reportage aus dem Jahre 1949, erschienen in dem ehrwürdigen Nachrichtenmagazin "Der Spielgel". Ein umfangreicher Statusbericht eines nicht wirklich unparteiischen Journalisten (leider keine Namensnennung) über die Situation der deutschen Volksgruppe, mit der klingend-drohenden Überschrift: "Lasst Särge sprechen".


Über 31 früheren deutschen Kommunalschulen nördlich der dänischen Grenze bleibt "Endgültig geschlossen!" stehen. Auch für die restlichen 45 Privatschulen liegen die Sterbe-Urkunden schon bereit. Zu den gedämpften Tisch-Schlägen dänischer Versteigerer-Hämmer wurden die ersten fünf am 23. August auf der Insel Alsen zu Grabe getragen. 
Drei Tage später fanden im Kreis Apenrade Schul-Beisetzungen statt. Und letzte Woche läutete Dänemarks rot-weißes Sterbeglöcklein elf Privatschulen von Gravenstein bis Bau an der deutsch-dänischen Grenze ein. Als unbefriedigter Gläubiger nahm sie das dänische Finanzministerium für einen Stückpreis von 20000 bis 40000 Kronen in Empfang.
Als die Alliierten 1945 den Schlußstrich unter die NS-Unterbilanz zogen, versuchten die Dänen ihrerseits, die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig endgültig zu liquidieren. "Die deutschen Schulen waren die Brutstätten des Nazismus", erklärten die eben erst besatzungsbefreiten königlichen Demokraten und machten sie umgehend dicht.

Der Artikel ist in Duktus und Aufmachung harter Tobak.  Die nicht ganz unproblematische Geschichte des Spiegels (1947 erstmalig erschienen) und seiner Journalisten ist in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt kritisch analysiert worden. Der vorliegende Artikel ist ein Beleg für die umstrittenen Anfangsjahre des Magazins aus Hamburg.

Ein weiteres Zitat der journalistischen Reportage aus Nordschleswig untermauert dies eindrucksvoll:


Binde und StahlhelmDen dänischen Widerstandskämpfern hatte die Schließung der deutschen Schulen und Pastorate 1945 keineswegs ausgereicht. Ihr Programm war umfangreicher. Als die deutschen Besatzer am 5. Mai ihre Schießeisen weggelegt hatten, traten die Widerständler aus dem Untergrund ans Tageslicht. Erstmalig präsentierten sie sich im Landkriegs-ordnungsmäßigen Dress mit Armbinde und Stahlhelm. Zahlreiche Deutsche landeten im Internierungslager Faarhus. Das war von Gestapo-verhafteten Dänen gerade geräumt.
Den Leitern der deutschen Volksgruppe - in Personalunion zugleich die Führer der NSDAPN (= NSDAP-Nordschleswig) - räumte man keine Fluchtchancen über Stacheldrahtzäune ein. Tierarzt Dr. Jens Möller, der einarmige kaiserliche Ex-Oberleutnant Peter Larsen und Chefredakteur Dr. Harboe Kardel von der "Nordschleswigschen Zeitung" wanderten mit ihren Kreisleitern und den Führern der SK (Schleswigsche Kameradschaft = SA) in die Gefängnisse. 
Kraft inzwischen erfolgter Verurteilung nach rückwirkenden Gesetzen werden sie dort noch bis zu zwölf Jahren bleiben. Sie hatten am 9. April 1940 die Besatzungsdeutschen begrüßt und unterstützt und Nordschleswig-Freiwillige für die Ostfront geworben.
Auch der fast 80jährige frühere deutsche Abgeordnete im dänischen Reichstag, Pastor D. Johannes Schmidt-Wodder, lernte auf seine alten Tage noch eine Gefängniszelle kennen.“

Wer nachvollziehen möchte, welche Empörung die g deutschen Nordschleswigern, vier Jahre nach der Besatzung und dem Kriegsende, mit Blick auf die politische Lage 1949 empfanden, sollte den Artikel unbedingt lesen; ein schriftlicher Zeitzeuge aus längst entschwundenen Zeiten. 

  

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