Haben sich die Minderheiten in der deutsch-dänischen Zusammenarbeit überlebt?

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Der Artikel erschien im Nordschleswiger als Kolumne "Bericht aus Kopenhagen". 

Eine große Kunst des Lebens besteht darin, zu wissen, wann etwas vorbei ist. Wann es an der Zeit ist, sich einzugestehen, dass sich Dinge verändert haben. In der vergangenen Woche, während der Konferenz zur deutsch-dänischen Zusammenarbeit im Alsion, schwirrten mir solche Gedanken im Kopf herum. 

Haben sich die Minderheiten und ihre tragende Rolle in der deutsch-dänischen Zusammenarbeit überholt? Werden wir noch gebraucht, als die famosen Brückenbauer, zwischen den Deutschen und Dänen, als die wir zumindest in allen Sonntagsreden weiterhin gelobt werden; oder sind nicht vielmehr die Brücken bzw. Tunnel in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mittlerweile so fest und belastbar, dass wir nicht mehr gebraucht werden? Sind wir gar mittlerweile ein Hindernis und schauen die grenzüberschreitenden Akteure nicht schon versteckt-neidisch auf unsere staatlichen Finanzierungen? Ist es – fünf Jahre vor unserem 100. „Geburtstag“, der Volksabstimmung von 1920, nicht an der Zeit, sich zu überlegen, ob wir noch eine Rolle spielen bzw. spielen sollten in der deutsch-dänischen Zusammenarbeit? 

In Sonderburg wurde vieles wiederholt, was seit Jahren bekannt ist – die Minderheiten spielten dabei jedoch keine Rolle. Nicht ein mal – das war schon leicht erschreckend – bei der Nennung der Bonn-Kopenhagener Erklärungen konnte man sich sicher wissen, dass die Redner dabei die deutsche und dänische Minderheit im Sinn hatten, oder nicht doch eher ein historisches Relikt herbeizitierten, um die gewachsene Zusammenarbeit und Verlässlichkeit der bilateralen Beziehungen zu loben. Wäre da nicht das Schlusswort des Altmeisters der (Infrastruktur)-Zusammenarbeit, des Spediteurs Mogens Therkelsen gewesen – der die Minderheiten beiderseits der Grenze hervorhob – wären wir im Alsion nicht vorgekommen. Doch statt Trübsal zu blasen und sich darüber zu ärgern, dass wir nicht mehr im Mittelpunkt stehen, sollten wir unsere Bedeutung nicht überschätzen, aber durchaus weiterhin selbstbewusst darauf aufmerksam machen, dass wir ein wichtiger Faktor sind: Mit unseren Schulen und Kindergärten sind wir ein erheblicher Wirtschafts- und Bildungsfaktor der Region. Wir haben ein funktionierendes Sozialgefüge – sei es in unserem selbst gestalten Sozialwesen, der Kultur- und Jugendarbeit; die Liste der Beispiele für die tagtägliche Bedeutung der Minderheiten in der Region ließe sich fortsetzen. 

Doch wir brauchen neben den beständigen Erfolgen im Täglichen auch eine Vision bzw. ein Ziel – um unsere Bedeutung in einer nationalpolitisch befriedeten Region auch 100 Jahre nach unserer „Gründung“ mit Sinn zu füllen. Wir müssen als Minderheiten nicht die Infrastrukturprobleme der Region lösen – das können wir gar nicht. Doch wir sollten – dem Ansatz der vom  Schleswig-Holsteinischen Landtag bereits 2006 herausgegebenen Kompetenzanalyse folgend – uns überlegen, welche Stärken und welchen „Mehrwert“ wir als Minderheiten besitzen und wie wir diese in der deutsch-dänischen Grenzregion einbringen können. 

In Europa brennt es an vielen Ecken – Minderheitenfragen stehen dabei nicht selten mit im Mittelpunkt. In einer rasanten Globalisierung sehnen sich darüber hinaus immer mehr Menschen nach Geborgenheit und auch der Begriff Heimat erfährt vom politischen Begrifflichkeitsmissbrauch gereinigt, eine Renaissance. Das alles sind Themen, in denen wir Minderheiten eine einzigartige Kompetenz mitbringen. Zum Vorteil für Minderheiten und Mehrheiten. Falls es uns gelingt, diese Kompetenzen gezielt herauszuarbeiten und anwendbar zu gestalten, müssen wir uns auch keine Sorgen machen, dass wir uns mit unseren Erfolgen der Vergangenheit überlebt haben sollten.  Dann sind wir auch nach 2020 wichtiger Mitspieler in der deutsch-dänischen und in der europäischen Zusammenarbeit.

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