Kopenhagen im Griff des Terrors – eine Stadt im Ausnahmezustand


Der Artikel ist in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" im "Der Nordschleswiger erschienen. 

Ich bin am Sonntag in Kopenhagen spazieren gegangen. Wie so viele Menschen. Es drängte die Bewohner der Stadt an die Orte des Terrors; zum Kulturhaus in Østerbro, wo ein 55-jähriger Filmemacher zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war und an die Synagoge in der Krystalstraße, vor dessen Toren ein Gemeindemitglied eine Bar-Mitzwa-Feier bewachte und dabei sein Leben lies und dabei wohl ein Massacker verhindert hat. Viele Schaulustige zog es auch nach Nørrebro, wo der 22-jährige vermeintliche Täter nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Anschluss an 19 Stunden dramatischster Ereignisse getötet wurde. Ein Journalist aus Deutschland – der bereits in Paris nach den Anschlägen dabei war und wie viele seiner europäischen Kollegen nach Kopenhagen geflogen kam, um über die Ereignisse vor Ort zu berichten – sprach von einer beeindruckenden Professionalität der Polizei und einer sehr abgeklärten Reaktion der Bürger der Stadt. 

Die Polizeipräsenz war massiv. Junge Männer in Kampfuniformen der Polizei, mit automatischen Waffen im Anschlag, bewachten die Straßenecken, gepanzerte Mannschaftswagen und viele Beamte prägten das Straßenbild. Hubschrauber kreisten unaufhörlich über dem Großraum Kopenhagen. Polizeipräsenz an Bahnhöfen, öffentlichen Einrichtungen – Kopenhagen so ganz anderes als sonst – eine Stadt im Ausnahmezustand. 

„Keep calm and love Copenhagen“ – war eine der Botschaften, die auf Twitter und Facebook nach den schrecklichen Anschlägen zu lesen war. Auch die politische Elite traf – mit einigen nicht sehr geschmackvollen Ausnahmen – den richtigen Ton. Die Regierungschefin Helle Thoning-Schmidt hatte am Sonntag alle Parteivorsitzende zu einem Briefing mit den Sicherheitskräften eingeladen. Sie bekam – wie auch die Königin –  viel Lob für ihre Worte im Anschluss an die Katastrophe.
Doch diese Geschlossenheit wird nicht ewig währen. Es ist in einer Demokratie normal, dass man unterschiedliche Ansichten vertritt. Dass um den besten Weg gerungen wird – das gilt auch für die Frage, wie mit einer solchen Katastrophe umzugehen ist. Das wird schon jetzt deutlich. Während einige Kommentatoren von einem neuen „Religionskrieg“ (JyllandsPosten) sprechen, der vor allem mit einer unkontrollierten „Einwanderungswelle“ aus dem Nahen Osten in Verbindung gebracht wird, warnen die Tageszeitungen Politiken und Berlingske vor der Stigmatisierung des Terrorangriffes als eine Auseinandersetzung zwischen Kulturen oder Religionen. Dass sich eine Debatte über Einwanderung, Integration, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit anschließen wird, wenn sich Schock und Trauer gelegt haben – ist selbstverständlich. Nachvollziehbar ist auch die Wut über die schreckliche Tat. Gefährlich wird es erst dann, wenn diese Wut in blind machenden Hass übergleitet. 
Der bereits angeschobene Wahlkampf wird für einige Tage ruhen – kein Politiker will in den Verdacht geraten, politisches Kapital aus der Katastrophe schlagen zu wollen; ein gefährlicher Balanceakt steht den Wahlkämpfern bevor. Doch dieser Burgfrieden wird nicht ewig währen. 

Wohin sich Dänemark in den kommenden Jahren entwickelt, wird sich in den kommenden Wochen mit an der Frage entscheiden, wie wir mit diesem Terrorakt umgehen. 

Bislang sind die Zeichen bei aller Tragik dennoch mutmachend. Es wird hauptsächlich besonnen und nachdenklich –  nicht aktionistisch oder hasserfüllt – reagiert.

Kopenhagen ist stark, eine bunte und lebendige Weltstadt – bei allen Problemen. Mit vielen Ausländern, Muslimen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und bestens integriert sind. 
Kopenhagen wird sich berappen und weiter eine offene, bunte, tolerante Stadt bleiben – sie kann gar nicht anders. 

Doch es bleibt das Gefühl der Verwundbarkeit zurück und die Angst, dass die Wiederholung einer solchen Tat sich nie ganz wird ausschließen lassen. 

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