Angriffe gegen Sorben - Nazis verhaftet: "Alter Hass in neuen Kleidern"



Sorbische Jugendliche werden von Nazis gejagt. Diese Meldung sorgte vor rund einem Jahr nicht nur in den Kreisen der Minderheiten in Europa für großes Aufsehen. Nazis, die auch vor körperlichen Angriffen nicht zurückschreckten. Die sorbischen Jugendlichen trauten sich oft nicht gegen die Täter Anzeige zu erstatten, aus Furcht vor Repressalien. 

Hier ein Film vom Mitteldeutschen Rundfunk.



In ihrer Wochenendausgabe (29. März 2015) hat die Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Verhaftungen durch die sächsische Polizei berichten. Doch die Angst geht weiter um. Gut recherchiert geht der Autor dem Phänomen der rassistisch gefärbten Straftaten gegen die Sorben nach.


"Dass die Täter wohl gefasst sind, mag beruhigen, die Gewalt aber verunsichert viele Sorben nach wie vor. „Tätliche Angriffe in dieser Form hat es weder im Sozialismus noch in den Jahren nach der Wende gegeben“, sagt Jan Nuck, der bis 2011 Vorsitzender des Bundes der Sorben, „Domowina“, war. Allerdings hätten in den vergangenen Jahren sorbenfeindliche Tendenzen stark zugenommen. 
Mal wurde auf eine Straßenbrücke „Sorben raus“ oder an eine Hauswand „Hooligans gegen Sorben“ gepinselt, immer wieder werden Kruzifixe am Wegesrand zerstört und seit dem vergangenen Sommer vermehrt auch sorbische Ortsbezeichnungen auf zweisprachigen Straßenschildern durchgestrichen oder übermalt; in einem Fall wurde ein Hakenkreuz aufgesprüht. 
Gewalt und Schmierereien wecken vor allem bei älteren Sorben grausame Erinnerungen, hatten doch die Nationalsozialisten den Gebrauch der sorbischen Sprache in der Öffentlichkeit sowie alle sorbischen Vereine verboten, die sorbische Intelligenz verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt. Der SED wiederum galten die Sorben als „Vorzeige-Minderheit“, deren Kultur und Sprache zwar gefördert wurden, die aber mit der Kollektivierung der Landwirtschaft vielfach ihre Höfe und mit den sich in die Lausitzer Landschaft fressenden Braunkohletagebauen oft auch ihre Heimat verloren. 
Tatsächlich seien Unterstützung und Zuspruch auch von deutscher Seite groß, sagt der Vorsitzende der Domowina, David Statnik. „Das ist für mich die gute Nachricht: Es gibt noch Zivilcourage.“ Andererseits wertet er die Übergriffe auch als Ausdruck „einer generellen gesellschaftlichen Unzufriedenheit“. Der ländliche Raum in Ostsachsen blute aus, die Arbeitslosigkeit sei hoch, die Jugend habe wenig Perspektiven, da würden schon mal Sündenböcke gesucht. 
„Die Lausitz ist zweisprachig, sie ist unser gemeinsamer Schicksalsraum“, sagt Statnik. „Wir leben hier, und wir müssen sie gemeinsam schützen.“ Der Umgang mit den Übergriffen wird auch bei der Hauptversammlung der Domowina an diesem Wochenende eine Rolle spielen. Der Schaden jedenfalls sei jetzt schon ein doppelter. „Da ist das persönliche Leid“, sagt Statnik. „Aber auch die Regionalentwicklung wird buchstäblich mit Füßen getreten.“ Wirtschaft, Tourismus, all das, was gerade die Oberlausitz dringend braucht, gerate durch Angriffe auf Ausländer wie auf Sorben in Gefahr. 
In letzter Zeit gab es immerhin keine neuen Übergriffe. Doch ein genereller Frieden sei noch nicht wieder eingekehrt, sagt Statnik. Wie stabil die Lage auch nach Ermittlung der mutmaßlichen Täter ist, könnte sich schon jetzt im Frühjahr zeigen, wenn es wieder häufiger Veranstaltungen sorbischer Jugendlicher gibt. Die Polizei hat bereits angekündigt, verstärkt Streife zu fahren. Und OAZ-Ermittler Merbitz versichert, weiter ein Auge auf die rechtsextreme Szene zu werfen: „Ich werde es nicht hinnehmen, dass in Sachsen Menschen diskriminiert oder gewalttätig angegriffen werden.“ 




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