Big Brother: Vertrauensgesellschaft oder ich habe doch nichts zu verbergen!


Der Artikel ist erstmals in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" erschienen

Wer die deutsche und dänische Gesellschaft vergleichend beobachtet, macht schnell einen charakteristischen Unterschied aus. 

Den Vertrauensvorschuss, den die Dänen ihren Institutionen entgegenbringen (Vertrauensgesellschaft) und die große Skepsis und das Misstrauen gegen Autoritäten, die es in Deutschland gibt. Natürlich ist dies kein scharf zu zeichnender Schwarz-Weiß-Gegensatz; doch bei der Diskussion über die Fehmarn-Belt-Querung wird diese Unterscheidung wieder deutlich. Ein Stuttgart 21 oder eine Flut von Einsprüchen und Prozessen, wie sie auf der deutschen Seite anlaufen, sind in Dänemark schwer nachzuvollziehen. Während man von deutscher Seite, die vermutete dänische Gleichgültigkeit und Obrigkeitstreue nicht immer versteht.

Nun sollte man sich aus dänischer Perspektive nicht selbstzufrieden zurücklehnen und meinen, in Dänemark sei halt noch alles in Ordnung – man vertraue sich und sei dem Konsens verpflichtet. Konsens ist gut – aber nicht um jeden Preis. Manchmal sind Misstrauen und kritisches Hinterfragen notwendig.

Besonders problematisch ist dieses gesellschaftliche Urvertrauen in Dänemark mit Blick auf die sträflich vernachlässigte Diskussion über Datenschutz und „Big Data“ in Dänemark. 
Es findet eine technische Revolution statt, die mit der industriellen Revolution zu vergleichen ist. Diese wird gesellschaftliche Konsequenzen in allen Lebensbereichen mit sich führen. Doch die Diskussion darüber findet in Dänemark praktisch nicht statt. 
Ich weiß, dass bereits einige mit den Augen rollen und denken – nicht schon wieder. Diese Diskussion über Überwachung geht uns nichts an. Wir haben nichts zu verbergen. Mich dürfen sie gerne durchleuchten, wenn damit Kriminalität oder gar Terror verhindert werden kann. Richtig, mit einer Vorratsdatenspeicherung hätte man zum Beispiel an den Einfallstoren von Hadersleben schnell ausfindig machen können, wer für den Vandalismus gegen das zweisprachige Ortsschild in Frage kommt. Technisch kein Ding: Denn es ist wahrscheinlich, dass die Täter ein Handy hatten. Mit den Signaldaten kann man ohne Weiteres feststellen, wer zum vermuteten Tatzeitpunkt in der Nähe war. Doch wollen wir das?

So abwegig es klingen mag, das Datenprofil, das von jedem von uns tagtäglich erstellt und erweitert wird (GPS, Kreditkarte, Handy, Computer, Kundenkarten im Supermarkt, Rabattkarte etc.) weiß vieles über uns, was wir nicht einmal selbst wissen. Doch, was wirklich zum Umdenken anregen sollte, ist die Tatsache, dass das „Internet der Dinge“ –  die zweite Stufe der digitalen Revolution – nun seinen Siegeszug beginnt. 

In Zukunft wird es keine Waschmaschine, keinen Kühlschrank, kein Auto etc. geben, das nicht mit dem Internet verbunden sein wird. In alle Produkte werden Sensoren und Mikrochips eingebaut. Die Zahlen machen schwindelig. Allein Google speichert bereits heute jeden Tag tausend Mal so viele Daten, wie alle Werke der US-Kongressbibliothek, darunter 31 Millionen Bücher. Ein Ende der rasanten Entwicklung ist nicht abzusehen. 

Doch zurück zum Konterargument: „Ich habe weiterhin nichts zu verbergen.“ Dieses Argument ist auf die Gegenwart beschränkt. Jetzt in diesem Moment habe ich nichts, was ich verbergen möchte. Doch wie sieht das in Zukunft aus? Vielleicht wird es irgendwann notwendig sein, etwas zu verheimlichen. Doch dies wird bei der jetzigen Entwicklung und dem gesellschaftlichen Desinteresse bald ausgeschlossen sein. Das finde ich sehr beunruhigend.

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