Günter Grass - ein Kämpfer für die Minderheiten in Europa


Am 13. April 2015  verstarb der Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Alter von 87 Jahren. Die Minderheiten in Europa haben einen starken Fürsprecher verloren.

Wenige Tage zuvor war Klaus Rifbjerg verstorben, der letzte seiner Art in Dänemark; ein streitbarer, kompromissloser Intellektueller. Gefragt, mit wem Klaus Rifbjerg in Deutschland zu vergleichen sei, wäre mir sofort Günter Grass eingefallen. Nicht unbedingt wegen den literarischen Qualitäten - Günter Grass hat sich mit seiner Blechtrommel unsterblich gemacht und gewann 1999 den Nobelpreis für Literatur. Doch beide vereinte ihre Vielfältigkeit im künstlerischen Schaffen, ihre Intellektualität und vor allem ihr gnadenloses gesellschaftliches Engagement. Ein streitbares, oft ins moralisieren abgleitende Sendungsbewusstsein, mit dem beide genüsslich am politischen Mainstream aneckten. Doch imme dem Sinne verpflichtet, dass ein Künstler die eigene Sonderstellung in der Gesellschaft zu nutzen habe, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Klaus Rifbjerg liebte Berlin. Günter Grass war ein Bewunderer und häufiger Gast auf der dänischen Insel Mön. Doch Dänemark war nicht vor der schneidenden Kritik des Verstorbenen gefeit. Ich erinnere mich an eine Lesung in der Højskolen Østersøen in Apenrade, wo er deutliche Worte für die Politik von Dansk Folkeparti und die Parteichefin Pia Kjœrsgaard fand. 

Die Danziger Trilogie (Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre) macht deutlich, wie sehr der deutsch-polnisch-kaschubische biographische Hintergrund des in Danzig geborenen Autors dessen Werk und Schaffen prägte. Seine Verbundenheit mit der Kaschubei hat Grass nie bestritten. In einem Interview mit Jan Koprowski (zitiert nach "Günter Grass: ein europäischer Autor?"; Amsterdamer Beitrage Zur Neueren Germanistik, Band 35-1992, S. 81) erklärte Günter Grass: 
„Wegen meiner Abstammung habe ich eine starke Bindung mit Polen, insbesondere mit der Kaschubei. Die Familie meiner Mutter ist kaschubisch. Hier in Gdansk und seiner Umgebung habe ich viele, vielleicht an die hundert Verwandte. So groß ist diese Familie, und diese Mischung des Halb-Kaschuben Günter Grass ist selbstverständlich für mein literarisches Schaffen von entscheiden Bedeutung. Ich unterhalte diese Verbindungen, Serie von ihnen; wenn sie meinen ersten Roma Die Blechtrommel in die Hand nehmen begreifen Sie sofort dass es kein deutscher, dass es ein polnischer Roman ist."

Günter Grass hat sich als Stimme der Minderheiten verstanden oder wie es der Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker Tilman Zülch, ein Weggefährte des Verstorbenen in einem Nachruf ausdrückte: „Günter Grass war für Verfolgte und Vertriebene da, wenn sie ihn brauchten. Er lieh ihnen seine wortgewaltige Stimme und mahnte gemeinsam mit unserer Gesellschaft für bedrohte Völker, Konsequenzen aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen: Angesichts von Völkermord zu schweigen, wird zur Mitschuld.“

Gemeinsam mit seiner Frau gründete Grass 1999 in Lübeck die „Stiftung zugunsten des Romavolks“. Ziel der Stiftung ist es Roma zu fördern und über ihre "kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären und zu Respekt und Toleranz beizutragen". In seiner Rede anlässlich der Stiftungsgründung sagte Grass, er setze sich für das Volk der Roma ein, „weil die Roma, zu denen auch die in Deutschland lebenden Sinti gehören, wie kein anderes Volk, außer dem der Juden, anhaltender Verfolgung, Benachteiligung und in Deutschland der planmäßigen Vernichtung ausgesetzt gewesen sind. Dieses Unrecht hält bis heute an.“ In Erinnerung an den Künstler Otto Pankok, der in seinem sozialkritischen Werk immer wieder das Schicksal der Sinti und Roma thematisierte und der von 1948 bis 1952 der Lehrer von Günter Grass an der Kunstakademie in Düsseldorf war, verleiht die Stiftung den Otto Pankok Preis, zuletzt im Jahr 2014 an den ungarischen Soziologen und Pädagogen Reno Zsigó. 

Günter Grass hat sich zeitlebens gegen alle Ungerechtigkeit aufgelehnt, sei es durch seine Solidarität mit den Kurden und der nimmermüden Kritik an der Politik der Türkei. Oder als Mahner, das Leid der Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebiete nicht zu verdrängen. Mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ schaffte er in literarischer Form den Durchbruch, der Vertreibung nach 1945 zu erinnern.

Neben den Nachrufen aus Politik und Kultur, zeigen die vielen persönlichen Abschiede von Menschenrechtsorganisationen, Romaverbänden, Minderheitenvertretern und Weggefährten, wie bedeutend das Engagement des Verstorbenen gewesen ist. Die Minderheiten sind ihm zu großen Dank verpflichtet.  

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