Geschlagen und immer wieder aufgestanden


Dieser BLOG ist in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erschienen

Helle Thorning-Schmidt hat am Sonntag ihr zehnjähriges Jubiläum als Vorsitzende der Sozialdemokraten in Dänemark gefeiert. 

„Sie hat viele Prügel einstecken müssen, doch alles durchgestanden, ohne zu jammern.“ Diese Einschätzung stammt von Frank Jensen, heute Oberbürgermeister von Kopenhagen. Vor zehn Jahren war Jensen der gesetzte Favorit für die Nachfolge von Mogens Lykketoft, der gerade die Wahl gegen Anders Fogh Rasmussen mit fliegenden Fahnen verlorenen hatte und als Parteivorsitzender zurückgetreten war. 

Erstmals konnten die Mitglieder in einer Urabstimmung den Parteivorsitzenden wählen. Frank Jensen erlebte die wohl bitterste Niederlage seiner politischen Karriere. Er verlor gegen eine Newcomerin, gegen die ehemalige EU-Abgeordnete Helle Thorning. Es war die Abwahl des sozialdemokratischen Establishments, das die letzten beiden Wahlen verloren hatte.

Helle Thornings Jubiläum als Parteivorsitzende – sie hat den Posten bereits länger inne als Nyrup, Auken, Kampmann oder H.C. Hansen – fällt in eine Zeit des Aufschwungs der Partei, die seit der Wahl 2011 in den Meinungsumfragen nur einen Weg zu kennen schien – den nach unten. Eine Verteidigung der Regierungsmacht scheint nicht mehr allein im Reich sozialdemokratischen Utopiendenkens möglich. Doch wenn die Erfolgsbilanz einer Vorsitzenden in Wahlen gemessen wird, ist das Bild nicht sehr glamourös. Bei keiner einzigen Wahl seit zehn Jahren konnte ein Stimmenzuwachs verbucht werden, weder bei kommunalen, regionalen, nationalen oder europäischen Wahlen. 

Jakob Nielsen hat mit seinem 2013 erschienen Porträtbuch „Helle for magten” versucht zu ergründen, wer sich eigentlich hinter der Politikerin Helle Thorning verbirgt. Nielsen berichtet unter anderem von einer sozialdemokratisch Spätberufenen, die in ihrer Jugend Abonnentin der kommunistischen Zeitung „Land og Folk“ war und erst 1993 Mitglied in der Sozialdemokratie wurde. Heute wird sie dahingegen gerne als schicke Karrierepolitikern gesehen, die wie ein Fisch im Wasser jedes Toptreffen auf internationaler Bühne elegant meistert. Helle Thorning ist eine vielschichtige Persönlichkeit, die mit einer ungeheuren Portion Selbstdisziplin gesegnet ist und dabei weiß, das private vom politischen Ich zu trennen. Politische Überzeugungen scheinen für sie nicht entscheidend, vielmehr sind für den Machterhalt Kompromisse notwendig, die früher undenkbar gewesen wären.

So werben die Sozialdemokraten derzeit mit dem Konterfei der Parteivorsitzenden großflächig auf Bussen und in Zeitungen dafür, dass Flüchtlinge, die nach Dänemark kommen, arbeiten und ihres für die Gesellschaft leisten müssen. Scharfzüngige Kritiker haben erwidert, man solle den Flüchtlingen, die gerade den Schergen von Assad oder Boka Haram entkommen seien, doch freundlicherweise die fünf Wochen in Dänemark üblichen Industrieferien gönnen, bevor sie den Besen in die Hand gedrückt bekommen, um die Straßen zu fegen. Doch die Umfragen scheinen der Parteivorsitzenden aus wahlkampftaktischer Sicht recht zu geben. 

Ob Helle Thorning einmal zu den Großen der sozialdemokratischen Vorsitzenden gezählt werden wird, ist derzeit nicht abzuschätzen. Doch sollte sie die nächste Wahl gewinnen, wird sie vielfältige Möglichkeiten finden, ihr von allen – Freunden und Feind gleichermaßen – bewundertes Kämpferherz unter Beweis zu stellen. 

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