Klaus Rifbjerg verstorben - Mein Herz in Berlin





Am Sonnabend, 4. April 2015, ist der Autor, Dichter, Intellektuelle, Provokateur, Restaurantbesitzer etc. pp. Klaus Rifbjerg im Alter von 83 Jahren verstorben.

Das Oeuvre des „großen Klaus“, wie der Verstorbene ehrfurchtsvoll genannt wurde, ist für seine Generation einzigartig. Daher ist es traurig-beschämend, dass wenige Monate vor seinem Tod entschieden wurde, sein Werk aus dem offiziellen dänischen Bildungskanon zu entfernen; was zur Konsequenz hat, dass die heutigen Abiturienten  nicht mehr durch den Rifbjerg-Roman „Unschuld“ ("Den kroniske uskyld“) die Erlebnisse der Gymnasiasten der 50er Jahren lesend nacherleben werden. Wie es ein Kommentator treffend ausdrückte, sagt diese Entscheidung, Rifbjerg vom dänischen Kulturkanonolymp zu stoßen, mehr über die Kultur- und Schulpolitik Dänemarks, denn über den Autor und dessen Werkqualitäten aus.

Die Tageszeitung JyllandsPosten, die nicht nur für die Mohammed-Karikaturen bekannt ist, sondern mit ihrer konservativen Ausrichtung und Feuilleton eher die rechte Gegenposition von Rifbjerg ausmacht, hat gleich mehrere Doppelseiten und den Leitartikel dem Tod von Klaus Rifbjerg gewidmet. Das zeigte, wie sehr das Leben und Wirken dieses Ausnahmeintellektuellen Dänemark geprägt hat.

Rifbjerg war in seinem Schaffensdrang unvergleichlich. Es wird weltweit keinen anderen lebenden Autor geben, der über sechs Jahrzehnte lang, so viele hochkarätige Romane, Gedichte, Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Revuen etc. produziert hat. Darüber hinaus war Klaus Rifbjerg ein leidenschaftlicher und kompromissloser Gesellschaftskritiker, der die gezielte Provokation liebte. Er dominierte mit seiner auch physisch dominanten Statur (ein groß gewachsener Mann) die 60er und 70er Jahre im damals lebhaften, politisch geladenen Kulturleben. Und er weigerte sich in den darauffolgenden Jahren  kampflos den Kulturkonservativen (Rifbjerg würde wohl eher Wörter wie borniert und reaktionär verwendet haben) das Terrain im  sprichwörtlich gewordenen dänischen „Kulturkampf“  zu überlassen. Er schmetterte gegen die „aktivistische dänische Außenpolitik“ (Irak, Afghanistan) und brandmarkte die intellektuelle Verflachung und Verrohung - und mit seiner Aussage vor einigen Monaten, dass es in Dänemark wohl nur rund 2.000 wirklich Begabte gebe, der Rest jedoch wäre zu vernachlässigen, brachte er mal wieder den ganzen kleinen Ententeich der dänischen Kulturpolitik und darüber hinaus in Wallungen; sehr zu seiner Freude übrigens. Die Lust am Provokanten  hat Rifbjerg, der  selbst einen „bürgerlichen“ Lebenswandel führte (Besitzer des ersten Michelinrestaurants in Dänemark, Sportwagenfahrer)  die ganze Karriere hindurch zelebriert. Legendär ist das sit-in mit Künstlerkollegen  auf der Haupttreppe des Kulturministeriums, wo der Autor öffentlich und im Protest gegen Kürzung von Förderungen für  Jugendliche an einer Haschisch-Pfeife zog.

Der Verstorbene war einer der herausragendsten Vertreter des dänischen Kulturradikalismus (dänische Spielart der Moderne / Postmoderne) und vielleicht hat der große dänische Regisseur Lars von Trier (der von Rifbjerg gelesen und erst genommen wurde, als noch niemand von ihm wissen wollte) recht, der zum Tod von Rifbjerg erklärte, mit Klaus Rifbjerg sei nicht nur ein Großer der dänischen Postmoderne, sondern die dänische Postmoderne an sich verstorben. Denn wer sollte dem Großen Klaus folgen.

Als Reminiszenz an Klaus Rifbjerg und die deutsche Hauptstadt Berlin, in der er 1995 einige Monate lebte und seine Erfahrungen in dem Reisetagebuch „Berlinerdage“ wiedergibt, das schöne Gedicht Mit hjerte i Berlin / Mein Herz in Berlin (die deutsche Übertragung stammt von mir).



Mein Herz in Berlin

Ich konnte nicht wissen dass mein Herz

In Berlin begraben lag.

Ich konnte nicht wissen dass jede Straße

Jede Ecke

Jeder Kanal

Mit dem Leben zusammenhängt das ich jetzt lebe

Und dem das ich vor langer langer Zeit lebte


Als Berlin nur ein Name war

Ein roter Punkt auf einer Karte

Ein Wort im Mund der Erwachsenen

Etwas das aus dem Radio kam

Fern und drohend

Abstrakt aber voller Stimmen und Figuren

Im Dunklen über dem Bett des Kinderzimmers 


Auch die hellen hohen Eifrigen

Die da waren Pünktchen und Anton und Emil 

Und die Detektive

Im abenteuerlichen Berlin

Wo wie ich später las Brandes wohnte

Und Søren Kirkegaard

Und Isherwood -  


Nicht verwunderlich dass das Herz stehen blieb am

Nollendorfer Platz

Oder dass es etwas besonderes war

An der Uhlandsstrasse zu leben

Wo die große Asta Nielsen einmal residierte

Oder dass Babelsberg wo Peter Seeberg

Unaufdringlich subtil seine Nebenpersonen beschrieb

Es einen schwindeln ließ

Und zu einem richtigen Berg wurde  


Von dem man alles erblickt von

sowohl früher als auch heute und man hörte das Echo von tausenden

Flakkanonen und das Krachen der Tonnen von

Bomben

Die über diesem meinen Berlin fielen

Damals als ich noch sicher schlief und träumte

Süß im Bett auf der anderen Seite des Wassers und

Noch nicht wusste wohin ich gehörte


Und wer ich war.

Erst jetzt

Erst hier erstreckend zwischen Schiffbauerdamm 

Und dem Judenfriedhof Weissensee

Und der Charité und Wilhelmstrasse

Kreuzberg, Bahnhof Zoo und Schönefeld

Bekomme ich eine Ahnung

Erst als ich die Gedächtniskirche mitten im Blick habe

Und die Glasscheiben klirren höre die da fielen


Von den Fenstern am Kurfürstendamm

Und die SA nannte die Nacht Krystal

Verstehe ich wer ich bin und wo ich

Zuhause bin:


Im zwanigsten Jahrhundert

Mitten in Berlin

Dies ist mein zuvor und danach

Dort liegt der Hund begraben

Und alles was ich verstand

Und was ich nicht fasste


Alles was ich liebe und am allermeisten hasse

Dort lege ich mein Herz

Mein Herz liegt dort

Stehe still

Nur einen Augenblick

Unter den Linden

Und höre es schlagen.


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Mit hjerte i Berlin

Jeg kunne ikke vide at mit hjerte

Lå begravet i Berlin.

Jeg kunne ikke vide at hver gade

Hvert hjørne

Hver kanal

Hang sammen med det liv jeg lever nu

Og det jeg levede for længe længe siden


Hvor Berlin kun var et navn

En rød prik på et kort

Et ord i munden på de voksne

Noget der kom ud af radioen

Fjernt og truende

Abstrakt men fuldt af stemmer og figurer

I mørket over barnekammerets seng


Også de lyse høje ivrige

Som var Prik og Antons og Emils

Og detektivernes

Eventyrets Berlin

Hvor jeg senere læste Brandes havde boet

Og Søren Kierkegaard

Og Isherwood -


Ikke så sært at hjertet standsede på

Nollendorfer Platz

Eller det var noget særligt

Ved at bo i Uhlandsstrasse

Hvor den store Asta Nielsen engang holdt til

Eller at Babelsberg hvor Peter Seeberg

Lavmælt underfundigt havde beskrevet

Sine bipersoner fik det til at svimle

Og blev et rigtigt bjerg


Hvorfra man kunne se alting fra

Både før og nu og hørte ekkoet af tusind

Flakkanoner og braget fra de tons

Af bomber

Der faldt på dette mit Berlin

Dengang jeg selv sov trygt og drømte

Sødt i sengen på den anden side vandet og

Endnu ikke vidste hvor jeg hørte til


Og hvem jeg var.

Først nu

Først lige her udspændt mellem Schiffbauerdan

Og jødekirkegården Weissensee

Og Charité og Wilhelmstrasse

Kreuzberg, Bahnhof Zoo og Schönefeld

Får jeg en anelse

Først da jeg har Gedächtniskirke midt i focus

Og hører de glasskår klirre der faldt


Fra ruderne langs Kurfürstendam

Og SA kaldte natten for krystal

Forstår jeg hvem jeg er og hvor jeg hører

Hjemme:


I det tyvende århundrede

Midt i Berlin

Det er mit før og efter

Dort liegt der Hund begraben

Og alt hvad jeg forstod

Og det jeg ikke fatter


Alt det jeg elsker og hader allermest

Der lægger jeg mit hjerte

Mit hjerte ligger dér

Stå stille

Blot et øjeblik

Unter den Linden



Foto: Wikipedia

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