Polemik hilft in Minderheitenangelegenheiten wenig

Der EFA-Generalsekretär Günter Dauwen ist beleidigt. Die Generalversammlung der European Free Alliance (EFA), die kürzlich in der Lausitz stattfand, hat nicht die Aufmerksamkeit von dem Dachverband der Sorben - Domowina - erhalten, den er sich erwünscht hätte. In einem offenen Brief richtete er sich nun an alle und jeden den es interessieren mag oder auch nicht und „taggt“ / verlinkt dabei in den sozialen Medien auch ungefragt Nichtunterzeichner des Briefes (unter anderem mich). Das ist kein besonders souveräner Stil. Darüber hinaus werde ich in dem Schreiben namentlich zitiert. Daher erlaube ich mir auch eine kleine private Replik.

Polemiken sind in internen Angelegenheiten der Minderheiten meist keine kluge Entscheidung. Interne Probleme kennen alle Minderheiten. Das liegt sozusagen in der DNA der Minderheitenarbeit. Daher ist die Form eines „Offenen, polemischen Briefes“ eine gewagte Vorgehensweise, da man sich in Interna begibt, die man gar nicht durchschauen kann. 

Die Domowina ist der unbestrittene Dachverband der Lausitzer Sorben. Gegenwärtig hat die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. unter Einbeziehung aller in ihr organisierten Teilvereine rund 7.300 Mitglieder. Die Domowina ist Ansprechpartner für alle Belange der Sorben und als diese auch völlig zurecht akzeptiert und legitimiert. Die Domowina leistet gute Arbeit für die Sorben.
Die Lausitzer Allianz hat - ich bin mir hier nicht ganz sicher und lasse mich gerne korrigieren - keine 100 Mitglieder, wird als repräsentativer Vertreter der Sorben nicht anerkannt. 

Nun zu einem zugegeben sehr fiktiven Gedankenspiel: 

Eine europäische Dachorganisation der Minderheiten, die sich deutlich für die Erhaltung des Nationalstaates in Europa einsetzt, hält ihren Jahreskongress mit 150 Gleichgesinnten aus ganz Europa in Schottland ab.

Die fiktive Scottish Party (SP) teilt die Auffassung dieser fiktiven Organisation nicht; sie setzt sich bekanntlich für ein unabhängiges Schottland ein. Es gibt jedoch in Schottland auch eine kleine fiktive Splittergruppierung - ohne Bedeutung und Verankerung in der Gesellschaft - die sich gegen diese Unabhängigkeit ausspricht. Sie erhält im täglichen nicht viel Aufmerksamkeit. Doch diese Splitterpartei ist Mitglied in der oben beschriebenen Dachorganisation der Minderheiten und veranstaltet einen Kongress in Schottland. 

Natürlich stimmt die fiktive SP nicht mit den Haltungen des Dachverbandes überein - aber sieht auch keinen Anlass, sich aktiv gegen die Durchführung des Kongresses zu äußern. Es herrscht schließlich Meinungsfreiheit. 

Doch der fiktive Dachverband und vor allem seine fiktive schottische Mitgliedsorganisation fühlen sich nicht gebührend geehrt bei ihrem Auftritt in Schottland. Sie verabschieden darüber hinaus sogar eine „Schottische Resolution“, die gegen die öffentlich legitimierte Haltung der SP ausspricht. 

Im Nachgang ist die kleine Splitterpartei so wütend, dass sie in der schottischen Öffentlichkeit keine gebührende Rolle erhält, dass sie den Generalsekretär der fiktiven Dachorganisation dazu verpflichtet kann, einen „offenen, bösen Brief“ zu schreiben. Die SP schüttelt darüber verwundert den Kopf.

Aber das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment eines privaten Beobachters …. 

Kommentare:


  1. Lieber Jan,


    Auf deinen Blog-Artikel "Polemik hilft in Minderheitenangelegenheiten wenig" möchte ich gerne kurz antworten. Den Brief, den ich geschrieben hatte, schrieb ich nicht wegen Beleidigung oder zu wenig Aufmerksamkeit für unserem Kongress...Ich schrieb ihn wegen Domowinas aktiver Entgegenwirkung zur organisatorischen Arbeit für unseren Kongreß. Deinen Name habe ich genannt, denn wir spachen schon, seit einigen Jahren über dieses Problem.

    Der offene Brief ist die Folge einen öffentlich höflichen Attitude von Domowina, die hinter den Kulissen mit einer sehr negativen Strategie verbunden wurde.

    Die Domowina macht sehr viel gutes, richtig! Aber einige Funktionäre sollen sich nicht von SED-Strategien bedienen um eine Monopol-Vertretung als Anspruch zu erheben, die nur sehr geteiltes Echo in der Lausitz bei den Sorben/Wenden findet. Interne Probleme (und auch der Sachverhalt, daß sie nur wenige sind) sind die DNA bei Minderheiten, richtig! Darum haben auch „kleine“ Vertreter der Sorben das demokratische Recht, ihre Meinung zu äußern ohne hinterhältiges taktieren und Einschüchterung/Bedrohung seitens einiger Domowina-Funktionäre.

    Dein pädagogisches Gedankenspiel ist mangelhaft. Unser Dachverband EFA ist nicht Domowinas Gegner, wir arbeiten beide für ein Europa mit mehr Respekt für Minterheiten, für Sprachenvielfalt. Aber die Domowina hat veranlaßt, jeden offiziellen Teilnehmer an unseren Kongress, der schon zugesagt hatte, wieder durch falsche Nachrede und Hetzkampagnen auszuladen. Und die Meinungsfreiheit in der Lausitz scheint nicht sehr gross zu sein, wenn man einen offenen Brief an die Serbske Nowiny-Zeitung schickt und wahrnehmen kann, daß dieser Brief von den Redakteuren aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz erst weitergeleitet wurde und die Verweigerung der Domowina hatte das Resultat, daß ebenfalls eine MEINUNG nicht publiziert wird. (Die Zeitung und die Angestellten stehen somit unter Zensur wie in einer Diktatur, die Zeitung und die Angestellten werden aus Mitteln, über die die Domowina bestimmt, bezahlt!)

    Die EFA hat nur ihre Unterstützung in der Sejmik-Deklaration formuliert, damit die Sorben ihr Recht auf Selbstbestimmung haben. Die EFA entscheidet damit nicht über die Sorbische Zukunft, das müssen die Sorben SELBST machen.

    Wir haben einen sehr erfolgreichen Kongress gehabt und unsere Exekutiven und die Lausitzer Allianz sind sehr zufrieden.

    Etwas mehr als 100 Mitglieder hat die Lausitzer Allianz, es ist eine klare Minderheit in Lausitz, die man nicht unterschätzen sollte. Die Kraft der Mehrheit zeigt sich nicht nur in Zahlen, aber durch den Respekt für die in der Minderzahl seienden. Im Jahre 1967, als keiner es erwartete, hat Winnie Ewing einen Sitz für die SNP in Westminister Parlament gewonnen...und nächste Woche sollen sie vielleicht +50 Sitze (von total 60 Schottischen Sitzen) bekommen. Was ehemals klein war, kann auch stärker werden.

    Günther Dauwen

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  2. "Die Zeitung und die Angestellten stehen somit unter Zensur wie in einer Diktatur, die Zeitung und die Angestellten werden aus Mitteln, über die die Domowina bestimmt, bezahlt!" – Das ist mit Verlaub absoluter Blödsinn. Serbske Nowiny werden aus Mitteln der Stiftung für das sorbische Volk finanziert, über die keineswegs die Domowina bestimmt. Bitte besser informieren!

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  3. "Etwas mehr als 100 Mitglieder hat die Lausitzer Allianz" - das ist wohl etwas übertrieben. Richtiger dürfte sein, dass die LA etwas weniger als 10 Mitglieder hat, von denen bestenfalls zwei bis drei hin und wieder öffentlich auftreten (Mattusch, Kell, Kappler). Zur ersten gesamtwendischen Wahl des Brandenburgischen Sorbenrates ist sie nicht angetreten (das somit zwangsläufig Domowina-Kandidaten gewählt werden, wird dann wieder zu großen Polemiken führen).

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  4. So weit ich weiß, hat die LA nicht mal einen Sitz irgendwo im Kreistag geschweige denn Gemeinderat! Und dass diese "Partei" 100 Mitglieder hat, wage ich zu bezweifeln.
    Niemand weiß wer das ist. Diese Organisation kennt niemand. Das sind einzelne Freaks (so gut wie sie es vielleicht auch meinen) die aber politisch überhaupt keine Rolle spielen und sich überall nur auf Themen hängen, welche Ihnen gerade irgendwie Prestige versprechen (Braunkohle, Sejmik, etc. Gegen Vattenfall, dann wieder dafür - wie Fähnchen im Wind). Aber wenn die EFA das im Vorfeld nicht recherchieren vermag, zweifel ich auch an der EFA (obwohl der Apparat eigentlich für das Eur.parlament halbwegs professionell aufgestellt sein müsste). Da war wohl der Informationsfluss der Lausitzer Allianz sehr dominant. Charmant ist ja auch die Mitgliedseuropakarte der EFA, welche nun auch durch die Mitgliedschaft der LA die ganze Lausitz hinter sich sieht - MIT NICHTEN!
    Die LA spielt einfach keine Rolle, so leid es mir tut: Im Gegenteil. Sie plustert sich auf, schafft es Unruhe zu stiften wo es nur geht. Nimmt jeden Anlass um die Domowina zu provozieren. Die EFA hätte es sich eher überlegen sollen mit wem sie in der Lausitz anbändelt.
    Ich kenne als bedeutendste sorbische Partei die Sorbische Wählervereinigung, welche wenigstens 1 Sitz im Kreis Bautzen hat und ca. 5000 Stimmen auf sich versammeln konnte. Das ist schon mal 5000x mehr Legitimation wie die LA. Diese Partei wäre noch am Ehesten dazu geeignet mit der EFA zu kooperieren.
    Und dass Sie auf dem Kongress eine Anti-Domowina-haltung verspürt haben, mag wohl eher daran gelegen haben, dass sich da nahezu alle versammelt haben, die es schon Jahre lang nicht so gut mit der Domowina meinen und don quichotte - artig gegen Sie kämpfen. Ich bin enttäuscht von der EFA und dass deren Mitglieder dieses nicht schon längst erkannt haben. Und mir tut es irgendwie auch leid, dass Sie hauptsächlich gerade mit diesen (wenigen) Sorben zu Ihrem Kongress zu tun hatten.

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  5. Die Lausitzer Allianz ...
    Und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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