Rückschritt im „Minderheiten-Modell“: Bürgermeister in Dänemarkschließen zweisprachige Ortsschilder aus



---- NACHTRAG: 
10. Mai 2015 (Künstlergruppe "bastelt eigene zweisprachige Schilder)
2. Mai 2015 (Bürgermeister in Hadersleben lässt das erste Schild nach Vandalismus nicht wieder aufstellen)

--- Siehe auch:
Zweisprachige Ortsschilder in Nordschleswig unerwünscht – vorläufiger Schlusspunkt einer emotionalen Debatte

In den vergangenen Tagen wurde viel über die deutsche Minderheit in Dänemark und dem Wunsch nach zweisprachigen Ortsschildern geschrieben - u.a. auch hier:

Angst vor der eigenen Ortschilder-Courage – gelingt der Durchbruch?

Seit gestern wissen wir, dass in Nordschleswig eine große Lücke klafft, zwischen dem politischen Anspruch, eine der führenden Minderheitenregion in Europa  sein zu wollen und der politischen Wirklichkeit im Grenzland. Zumindest, wenn wir die Mehrzahl der Bürgermeister in Nordschleswig zum Maßstab nehmen. 

Der Ökonomieausschuss der Kommune Tondern hat in einem einstimmigen Beschluss (sic!) den Wunsch der deutschen Minderheit nach zweisprachigen Ortsschildern verworfen. Der Bürgermeister aus Apenrade, Thomas Andresen, wiederum hat mit drastischen Worten gegenüber dem Nordschleswiger, der Tageszeitung der deutschen Minderheit, den Wunsch der Minderheit abgesäbelt: 
„Es ärgert mich, dass ich mich aufgrund der Debatte zwangsläufig mit einem Thema befassen muss, dem ich keine Relevanz beimesse. Das Thema Deutsch-Dänisch spielt für mich keine Rolle, sondern ich interessiere mich für die Belange der Kommune.“
Eine rühmliche Ausnahme ist der Bürgermeister in Hadersleben, H.P. Geil, der ein zweisprachiges  Ortsschild, sozusagen Kraft seiner Bürgermeisterbefugnis eigenständig aufstellen lies, um die Stimmung zu testen: Haderslev / Hadersleben - großartig und mutig! Die Diskussion über die zweisprachigen Ortsschilder sorgte landesweit in Dänemark für Aufmerksamkeit. Leider hielt die rühmliche Ausnahme nicht lange. In einer Nacht und Nebelaktion haben Unbekannte das Schild in einem Akt des Vandalismus entfernt, was wiederum den Bürgermeister Geil dazu veranlasste zu erklären, dass damit das Urteil gesprochen sei - man werde das Schuld nicht wieder aufstellen. Ein "einknicken" vor dem "Parlament der Straße" der von vielen Beobachtern mit Kopfschütteln kommentiert wurde. 

Eine weitere - eher humoristische Note erhielt die Haderslebener Schilderdebatte, als sich eine Künstlergruppe in der Nacht zum 10. Mai 2015 aufmachte an den Ortseingängen eigene deutsche "Hadersleben"-Bezeichnungen anzubringen. Der Bürgermeister Geil vermeldete sofort auf Facebook "diesmal war ich es nicht". 

Foto: Harro Hallmann

Es ist kein Geheimnis, dass die Frage der zweisprachigen Ortsschilder auch heute noch -  70 Jahre nach dem Ende der Besatzung Dänemarks -, die Gemüter erregen kann. Die harschen Reaktionen waren zu erwarten. Doch die Tatsache, dass mehrere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und die führenden regionalen Medien der Idee positiven Rückenwind verschafften, ließ die deutsche Minderheit hoffen, endlich den Durchbruch zu schaffen. 

Doch es sollte anders kommen. Die zweisprachigen Ortsschilder sind politisch nicht umsetzbar. Es mangelt an Entscheidungsträgern, die das Format beweisen, sich für die Minderheit einzusetzen - auch gegen Widerstand. 

Man sollte sich in Tondern, Sonderburg, Apenrade  nicht wundern, wenn man nicht beides haben kann: Zu den Feierlichkeiten eingeladen werden, sich im deutsch-dänischen "Super-Minderheiten-Modell" sonnen wollen und dann den politischen Mut und die Weitsicht vermissen zu lassen, die europaweit geltenden Standards der Minderheitenrechte auch in Nordschleswig umzusetzen. 

Der Hauptvorsitzende der deutschen Minderheit Hinrich Jürgensen ist zurecht enttäuscht, wenn er die Forderung der Minderheit vorerst „beerdigt“ - doch aufgeben kommt nicht in Frage. Gegenüber dem Nordschleswiger erklärt er:


Von Aufgeben ist aber nicht die Rede, so Jürgensen. Er hofft, dass Nordschleswig bereit ist zum 100-jährigen Bestehen der deutschen Minderheit 2020 die Schilderfrage positiv zu beantworten: "Aufgeber gewinnen nie – Gewinner geben nie auf", so sein Slogan.


HINTERGRUND
Die deutsche Minderheit in Dänemark lebt im südlichen Teil des Landes - in dem historischen Gebiet Nordschleswig / dänisch: Sønderjylland. Das Gebiet ist in vier Kommunen aufgeteilt: Tønder / Tondern; Sønderborg / Sonderburg, Haderslev / Hadersleben; Aabenraa / Apenrade. Die deutsche Minderheit fordert seit Jahren - demokratische legitimiert durch ihre Gremien - dazu auf, dass in den Ortschaften, in denen deutsche Institutionen, wie Schulen, Kindergärten, Büchereien etc. gibt auch mit zweisprachigen Ortsschildern die natürlich Zweisprachigkeit und kulturelle Vielfalt aufmerksam gemacht wird. 

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