Völkermord an den Armeniern: Türkei bleibt unnachgiebig – Dänemark und Deutschland scheuen den Streit mit Ankara



UPDATE: Der Bundespräsident Gauck hat deutliche Worte gefunden und der Bundestag scheint sich nun doch zu einer deutlicheren Resolution durchringen zu können.


Am 24. April 2015 wird zum 100. Mal dem Völkermord an den Armeniern gedacht. Rund eine Million Menschen (Zahlen sind umstritten) wurden ermordet. Die Armenier machten vor dem 1. Weltkrieg rund 10% der Bevölkerung in Ostanatolien aus (rund 2 Millionen Menschen). Der Massenmord an der armenischen Minderheit ist einer der ersten systematischen Genozide in der Weltgeschichte.

---- Umfangreich und reichlich diskutiert, bietet Wikipedia einen guten Überblick über den Genozid an den Armeniern und ist die Faktengrundlage des vorliegenden Artikels ----

Kein Wissenschaftler, der etwas auf sich hält, bezweifelt heute, dass es sich vor 100 Jahren bei den Todesmärschen und Massenliquidierungen um einen Genozid gehandelt habe.

In diesem Blog werden nicht die Hintergründe erläutert, sondern  es soll auf den Skandal verwiesen werden, dass das Verbrechen des Genozids bis heute vielerorts geleugnet wird. Regierungen und Parlamente verzichten aus Angst vor der prompt folgenden harschen Reaktion aus der Türkei, darauf, den Völkermord auch als solchen zu benennen.  

Der Papst hat sich vor kurzem deutlich geäußert und musste sich vom türkischen Präsidenten Erdogan folgenden Kommentar anhören: „Verehrter Papst: Ich verurteile diesen Fehler und warne davor, ihn noch einmal zu begehen“ Auch Frankreich hat vor einigen Jahren ein Gesetz erlassen – knapp und bündig wird festgehalten: „Frankreich erkennt den Genozid an den Armeniern von 1915 öffentlich an“. Es kam zu heftigen bilateralen Scharmützeln zwischen Paris und Ankara. Die Beziehungen sind bis heute frostig.

Zieht man die 1948 verabschiedeten UNO Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes herbei (die u.a. auch von der Türkei gezeichnet wurde) so war neben dem Holocaust vor allem der Völkermord an den Armeniern der Referenzrahmen für ihre Erarbeitung.

Die Türkei spricht dahingegen von „kriegsbedingten Sicherheitsmaßnahmen“, die wegen der Illoyalität der Armenier gegen die junge türkische Republik notwendig gewesen seien. Die Türkei stellt sich bis heute ihrer Geschichte nicht und droht jedem, der sich erlaubt, die Völkermord-Begrifflichkeit in den Mund zu nehmen.

Dänemark und Deutschland verhalten sich enttäuschend. Der dänische Außenminister Martin Lidegaard handelt nicht nach dem Maßstab seiner erst kürzlich veröffentlichen außenpolitischen Doktrin, die auf Menschenrechte setzt, wenn er sich weigert, das Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu brandmarken.  Lidegaard  schließt vielmehr aus, dass Dänemark den Völkermord als solchen anerkennt.  Man wolle keine Geschichtsschreibung betreiben, das überlasse man besser den Historikern. Ein seltsames Argument, da die Historiker sich in diesem Punkt einig sind. Dänemark möchte – das steckt hinter der „zurückhaltenden“ Diplomatie in Kopenhagen - es sich mit Ankara nicht verderben.

In Deutschland tut sich das Parlament derzeit ebenfalls schwer. Die beiden Berichterstatter zum Thema, Dietmar Nietan (SPD) und der ehemalige Minderheitenbeauftragte und Staatssekretär Christoph Bergner (CDU), hatten sich auf einen Erschließungstext geeinigt, der das Wort Völkermord nennt. Das wäre ein längst überfälliger, wichtiger Schritt gewesen. Doch die Fraktionsspitzen der CDU und SPD haben die Berichterstatter zurückgepfiffen und das Wort Völkermord ist aus dem Resolutionstext verschwunden.

Mutiger ist da das Europäische Parlament, das von einem Völkermord spricht und die Türkei auffordert, sich ihrer Geschichte zu stellen. Erdogans Reaktion kam prompt: „Das geht bei uns an einem Ohr rein und am anderen wieder raus“.


Die Armenier werden also auch 100 Jahre nach dem in ihrer Sprache Aghet (Katastrophe) genannten Genozid in Dänemark und Deutschland weiter auf historische Gerechtigkeit warten müssen.

Foto: Wikipedia

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