22 Tote in Grenzstadt: Mazedonien als „Miniversion“ des Balkans

Als kürzlich bei einem Schusswechsel in der zweitgrößten mazedonischen Stadt, mit albanischer Mehrheit, 22 Menschen starben, erinnerten sich viele an den „Beinah-Bürgerkrieg“ zwischen Albanern und Mazedoniern im Jahr 2001. Doch was ist eigentlich los in diesem kleinen Balkanstaat? Stehen wir kurz vor dem Ausbruch neuer ethnischer Konflikte?  Foto: Wikipedia

Mazedonien ist ein kleines Land, mit nur rund zwei Millionen Einwohnern. Dennoch ist die politische Entwicklung des Landes von zentraler Bedeutung für die Zukunft und vor allem für die Sicherheit der gesamten Balkanregion. Konflikte in Mazedonien haben zwangsläufig auch Auswirkungen auf die Nachbarstaaten Albanien, Serbien und Kosovo. 

In Mazedonien spiegeln sich sozusagen die Probleme des Balkans en miniature. Mazedonien stand 2001 kurz vor dem Bürgerkrieg, und nur durch massiven Druck des Auslandes, konnte ein Bürgerkrieg zwischen Albanern (rund 25 Prozent der Bevölkerung) und Mazedoniern verhindert werden. (Hier mehr zu den Ereignissen aus 2001). 

Wer einige Spatenstiche tiefer gehen und sich informieren möchte (und dabei der dänischen Sprache mächtig ist) sollte im Blog von John Petersen vorbeischauen.  

Als am 9. Mai 2015 bei einem Schusswechsel in der zweitgrößten mazedonischen Stadt Kumanovo,  22 Menschen starben, erinnerten sich viele an den „Beinah-Bürgerkrieg“ zwischen Albanern und Mazedoniern des Jahres 2001. Es war daher wenig verwunderlich, dass die ersten Reaktionen einen „ethnisch motivierten Zwischenfall“ vermuteten ließen. Nicht zuletzt, weil Premierminister Gruevski flugs „albanische Terroristen“ für die Bluttat verantwortlich machte. 

Es ist eine Konstante der Balkanpolitik, das meist nichts ist, wie es scheint. Die Ursachen für die Gewalt - das meinen derzeit viele Beobachter - habe ganz andere Hintergründe, die in die Richtung der organisierten Kriminalität weisen. Aber auch das ist nur unbestätigtes Wissen bzw. Vermutungen.    

Doch Mazedonien befindet sich zweifellos in einer tiefen Krise. Am Wochenende demonstrieren mehrere zehntausende Bürger in der Hauptstadt Skopje gegen den amtierenden Premierminister Gruevski. Hintergrund ist eine seit Monaten schwelende Affäre: 

Dem Oppositionsführer waren mehr als 600.000 abgehörte Telefonate zugespielt worden, die ein massives Ausspähen von Regierungsgegner dokumentiert aber auch den Regierungschef und seine Vertreter mit kompromittierenden Aussagen in die Bredouille bringt. Viele Mitschnitte strotzen vor Machtarroganz, Gewalt und Korruption. Der Abhörskandal hat im ersten Moment nicht wirklich für Aufruhr in dem von Korruption heimgesuchten Land gesorgt.  Als jedoch ruchbar wurde, dass die Regierung versucht habe, zu vertuschen, dass ein junger Student von Polizisten zu Tode geprügelt worden war, regte sich massiver Widerstand. Dieser scheint nun in eine Protestbewegung umzuschlagen, die den seit 2006 amtierenden Regierungschef gefährlich werden könnte.

Die Partei der albanischen Minderheit ist als Koalitionspartner  an der Regierung beteiligt und - so Kenner des Landes - nicht weniger korrupt als die Partei des Regierungschefs. 

Wenngleich die ethnischen Spannungen im aktuellen Krisenszenario keine auslösende Rolle spielen sollten, können  nationale Reflexe schnell wach gerufen oder instrumentalisiert werden, wie am 9. Mai nach dem Schusswechsel deutlich wurde. Der mazedonische Regierungschef hat mit seiner Festlegung auf  „albanische Terroristen“ als Täter schonmal die ethnische Karte gespielt. Ein gefährlicher Zug.

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