Die politischen „Kaffeesatz-Leser“ als Machtfaktoren


Der Artikel ist erstmals in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" erschienen.


In  Dänemark – ja, Sie wissen es alle – steht die Wahl kurz bevor. Schreibt sie nun am Dienstag (also heute) diese vermaledeite Wahl endlich aus, oder wartet sie wirklich bis nach den Sommerferien, fragen sich derzeit so einige. Darauf antworten kann mit Sicherheit bekanntlich nur Helle Thorning-Schmidt. Das jedoch hält niemanden davon ab, sich in Spekulationen zu ergehen. Vor allem spielen die Demoskopen und ihre Meinungsumfragen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zuletzt wieder mit einem leichten Aufwind für den „Blauen Block“, der nun  etwas Abstand zum zuvor mit atemberaubender Geschwindigkeit Fahrt aufnehmenden „Roten Block“ legen konnte – so lassen es zumindest  Umfrageinstitute wissen. Viele politische Kommentatoren, so war in den letzten Tagen zu lesen, sind der Auffassung, dass bei zwei Prozent Unterschied in ihren Umfragen, zwischen den Blöcken, eine Wahl als „offen“ zu gelten habe.

Mit Verlaub –  diese ganze Kaffeesatz-Leserei der Demoskopen und die Lust der Kommentatoren und Politiker, aus Mangel an stichhaltigen Fakten sich auf dieses „empirische Datenmaterial“ zu stützen und stürzen, ist, wenn nicht politischer Blödsinn, so doch hochgradig fraglich. 

Das belege ich gerne mit gesicherten Fakten. In Großbritannien wurde im Vorfeld zur Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Labour und Torries durch die „Urväter der Umfragen“ den sog. „Pollster“, wie sie in Großbritannien heißen, vorausgesagt. Und wie lautete das Ergebnis? Die Torries lagen rund 100 Sitze vor Labour.  

In Polen ist die erste Runde der Präsidentschaftswahlen durchgeführt worden. Alle haben mit einem deutlichen Sieg des amtierenden Präsidenten gerechnet, der sich aber knapp dem rechts-nationalen Widersacher beugen musste. 

Extrem war der Unterschied zwischen den Vorhersagen der Demoskopen und der Realität an den Wahlurnen jedoch in Israel, wo dem amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu eine Wahlniederlage prophezeit wurde. Nur dass er nach dem Schließen der Wahllokale triumphieren konnte. 

Doch auch in Deutschland kennen wir das Missverhältnis zwischen Vorhersage und Realität. 2009 hatten die führenden Meinungsinstitute das Ergebnis der Union um über 4 Prozent überschätzt, und 2002 hatte man der SPD 6,5 Prozent mehr vorhergesagt, als am Wahlabend herauskam. 
Dänemark hat auch keinen guten Ruf für besonders genaue Vorhersagen. Wer erinnert sich nicht an die Wahlnacht, wo SF-Villy Søvndal einen Wahlsieg der Extreme schaffte, den alle Demoskopen vor Scham in den Erdboden haben versinken lassen müssen –  da so nicht vorhergesagt.

Nun wäre das alles eine rein unschuldige Begebenheit, über die man lächeln könnte. Nach dem Motto: Wieder mal die selbstsicheren Vertreter der „exakten Wissenschaften“, die mit ihrem Anspruch, die Welt erklären zu können, haarscharf an der eigenen Hybris scheitern. Doch leider wird mit den Meinungsumfragen ganz handfeste Politik betrieben. Der Wähler wird, nicht zuletzt in Dänemark, mit Umfragen bombardiert – zu allen möglichen und unmöglichen Fragen. Ohne dass er aufgeklärt wird, dass es sich meist um 500-1.000 Befragte handelt, die den Anspruch suggerieren, ein Meinungsbild über die gesamte Bevölkerung geben zu können.

Oftmals werden „Trendwenden“ im politischen Meinungsklima verkündigt, die rein faktisch mit der sie begründenden Umfrage nicht einmal zeitlich korrelieren. Im besten Fall kann das für Verwirrung sorgen, im schlimmsten Fall werden Wähler/Bürger getäuscht. Kleine Parteien, wie die Alternative und Nationalpartiet können durch Umfragen „hochgeschrieben“ oder „abgeschrieben“ werden, da die politischen Kommentatoren nur ihr Bauchgefühl bzw. die Umfrageergebnisse als Referenzen für ihre zum Teil bombastischen Urteile hernehmen können. 

Also, wenn Sie wieder mal von Umfragen hören, die Radikale Venstre 5,7 Prozent zuschreiben oder Dansk Folkeparti bei 19,7 Prozent sehen,  dann seien Sie kritisch-skeptisch.

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